Graumelierte Gründer oder Boygroup – nur einer hat im Web Erfolg

Management

Wer im Web ein Start-up gründen will, muss rasch sein Können beweisen. Doch wer macht schneller Profit? Erfahrene Manager mit solidem Wissen oder Boygroups mit wenig Ahnung und viel Begeisterung? Zwei Fachleute diskutierten dies in München.

Walter Gunz, Mitgründer der Elektronikkette Media Markt und heute Geschäftsführer einer E-Commerce-Abteilung von Axel Springer, versuchte seit seinem Start als Manager 1979 den Spagat zwischen Old Economy und New Economy – also dem klassischen Handel mit Gütern und der Einbeziehung von Technik zu genau diesem Zweck, etwa durch Handelsplattformen. Michael Reuter gründete seit 1998 verschiedene Tele- und Online-Reiseportale, außerdem das nutzergesteuerte News-Portal yigg.de und bastelt gerade an Micro-Blog-Plattformen. Auf die Frage, was ein erfolgreicher Unternehmer – gerade im und mit dem Internet – heute mitbringen muss, hatten sie teilweise ganz verschiedene Antworten.

“Der Gründer braucht zwei Dinge”, sagte Gunz. “Er muss in seiner Branche handwerkliches und buchhalterisches Können gelernt haben, damit er weiß, wovon er spricht und von Geschäftspartnern ernst genommen wird. Dabei kann er durchaus alles ganz anders machen, als er es gelernt hat.” Das allerdings muss er mit einer unternehmerischen Vision kombinieren, die sich, seiner Erfahrung nach, nicht ohne Ruhe einstellt.

Für Reuter spielten solche Überlegungen bei der ersten Start-up-Gründung frisch von der Uni weg keine Rolle – im Gegenteil. “Wir taten uns zusammen und machen gezielt etwas, von dem wir keine Ahnung hatten und für das man außer der Kundensicht zu der Zeit keine Vorkenntnisse brauchte: Reisevermittlung übers Telefon”, sagte er im Rahmen der Gesprächsrunde, zu der der Venture Capitalist Target Partners eingeladen hatte. Was gezählt habe, war allein die Begeisterungsfähigkeit des Teams und der bedenkenlose Einsatz aller beteiligten. Als daraus ein richtiges Geschäft wurde, kamen ihm allerdings ganz direkt die Wiedervereinigung und ihre Konsequenzen zu Hilfe.

“Wir hatten Gratis-Azubis – etwas, wovon jeder Unternehmer träumt”, sagte er. Friseurinnen und Arbeiterinnen aus Leipzig und Dresden kamen auf der Suche nach Arbeit in den Westen und wurden in den ersten Jahren nach 1990 noch komplett vom Staat aus der Arbeitsamtskasse gezahlt. “Wir hatten unglaubliches Glück, in dieser Zeit in Bayreuth, nahe der ehemaligen Grenze zu sitzen und somit voll von der Situation zu profitieren”, sagte er rückblickend. Daneben habe aber die Selbstmotivation aller Beteiligten eine tragende Rolle gespielt.

In diesem Punkt ging Gunz sogar mit. “Wer Erfolg haben will, muss die Mitarbeiter dazu bringen, dass sie denken wie der Unternehmer. Sie müssen das Gefühl bekommen, auf einer Augenhöhe mit dem Chef zu stehen, dann kann er von ihrer Kreativität und Einsatzbereitschaft profitieren”, sagte er. “Dabei ist allerdings das eigene Überzeugtsein des Unternehmers von dem, was er tut, viel wichtiger als Gier – die allein führt selten zum Erfolg.” Auch vom schnellen Geldverdienen hält er nichts. “Wachstum stellt sich nur ein, wenn Quantität, Qualität und eine ethische Grundlage verknüpft sind, also wenn der Gründer etwas tut, was er moralisch vertreten kann.” Er sprach sich auch für die unternehmerische Verantwortung für die Mitarbeiter aus.

Für Reuter hing bei seinen Firmengründungen hingegen viel damit zusammen, dass er neben dem Business-Plan auch von Anfang an einen Exit-Plan in der Tasche hatte. Damit ließen sich die Gründungen wieder loswerden, wenn eine neue Idee den “Serienunternehmer” gefangen nahm. Dazu steht er gern. Und er will in jedem seiner Unternehmen das Beste haben. “Für Yigg.de – eine Plattform, auf der Nutzer Nachrichten einstellen und bewerten, die sich von den allgemein üblichen Nachrichten unterschieden und auch viel Gossip enthalten – suchen wir nicht nur gute, sondern sehr gute Programmierer”, sagte er.

Das sei deshalb wichtig, weil Yigg.de eine Kopie einer amerikanischen Site ist. Einmal habe sich dies Geschäftsmodell angeboten, weil die Eintrittsbarrieren niedrig waren, zum anderen weil ihm die Adaption und Anpassung an den deutschen Markt Spaß machte. “Toyota hat auch das Auto nicht erfunden – trotzdem ist der Konzern stabil.” Als Highlight gelang es ihm, zwei Programmierer des Chaos Computer Club an Bord zu holen. Diese, so hofft er, werden andere Programmierer anziehen, die gut und teuer sind, aber normalerweise anheuern würden. Sie sollen Programmierer anlocken, die mit “den Besten” arbeiten wollen und dafür die relative Unsicherheit in einem jungen Unternehmen auf sich nehmen wollen. “Wenige Software-Päpste können so als Multiplikatoren fungieren und einen viralen Effekt in Gang bringen, der das ganze Unternehmen exponentiell wachsen lässt.”

Mit solchen Gedankenspielen hat Gunz nichts am Hut. “Wir sind mit Media Markt, das heute 44.000 Mitarbeiter ernährt, ganz ohne Exit-Gedanken gestartet. Wir waren nie wie eine Boygroup, die sich zusammentut, auf die Bühne geht, drei Jahre singt und von dem Geld schafft sich jeder eine Insel an – für uns war das Geschäft immer eine Sache fürs Leben.”