Drei, zwei, eins… Hopp

Enterprise

Wieder nix! Und das schon zum 269. Mal.

 

So oft ist mittlerweile der Wochenrückblick erschienen. Und noch nie – wirklich noch gar nie – hat es jemand versucht, sich da für ein paar Euro hineinzukaufen.

Dabei ist der Autor doch – ausweislich seiner Rentenversicherung, der Künstlersozialkasse – ein Schöngeist. Und solche Leute verdienen sich heute ja gerne was dazu.

Der Schriftsteller Alban Nikolai Herbst etwa hat mit einer Romanfigur, die er bei Ebay versteigerte, 645 Euro erlöst. Den Zuschlag erhalten hat sein österreichischer Kollege E. A. Richter. Und deshalb wird der in Herbsts nächstem Buch mit dem Titel “Argo.Anderswelt” vorkommen.

Der Kritiker der ‘Neuen Zürcher Zeitung’ warf Herbst daraufhin vor, den “Ausverkauf der deutschen Gegenwartsliteratur” zu betreiben. Ja, ja, in den Feuilletons, da versteht man es noch, sich zu echauffieren. Letzte Woche erst der Skandal um die öffentlich guillotinierten Kaninchen. Und jetzt auch noch die Muse unterm virtuellen Hammer.

Aber man sollte sich wirklich nicht aufregen über das, was bei Ebay geschieht. Dazu ist es viel zu lehrreich. Und wenn man sich zu sehr ereifert, dann kann man nicht richtig nachdenken.

Ebay ist, was sich Generationen von Wirtschaftswissenschaftlern erträumt haben, vorzugsweise solche mit einer Festanstellung nach Beamtenrecht: ein vollkommener Markt – global, ohne Zugangsbeschränkungen und geradezu lehrbuchhaft konsequent.

Bei Ebay ist schon alles angeboten worden. Vor ein paar Wochen ein Exploit für ein Excel-Sicherheitsloch. Im vergangenen Jahr ein Friseursalon einschließlich fünf Angestellter. Zuvor Party-Mädels im Sixpack, der Losgröße, die Männer bevorzugen, wenn sie sich mal was Gutes gönnen wollen. Und kürzlich erst jenes heilige Blechle, unter dessen Vorbesitzern der nachmalige Papst Benedikt XVI war.

Rollen sind ebenfalls schon vor jener in Herbsts Argo.Anderswelt bei Ebay versteigert worden. Heuer soll die Klamotte “Der Prinz von Wanne-Eickel” in die Kinos kommen. Das Casting hat die den Streifen produzierende Mero Consulting über das Internet-Auktionshaus abgewickelt und dabei mehr eingenommen als der losende Gegenwartsliterat mit dem von ihm erlösten Hartz-4-Satz.

Von Sex bis Spiritualität – Ebay befriedigt alle Bedürfnisse, hinter denen eine adäquate Nachfrage steht. Oder, wie es ein Klassiker formuliert hätte: “Die Natur dieser Bedürfnisse, ob sie zum Beispiel dem Magen oder der Phantasie entspringen, ändert nichts an der Sache” (Karl Marx: Das Kapital, MEW Bd 23, S. 49).

Wobei allerdings die Kapitalisten heutzutage sehr viel lockerer sind als jene zu Zeiten des griesgrämigen alten Mannes, der weiland ohne Internet-Anschluss im Lesesaal des britischen Museums saß und an der Marktwirtschaft herumnörgelte. Gerade im TCP/IP-basierten Business gehört heute Lässigkeit zum Dressing-Code.

Der Unternehmer etwa, der vergangenes Jahr seinen Laden, einschließlich Scheren, Föhn und Friseusen im Cyberspace verhökerte, erzählte damals: “Die Idee kam auf, und ich dachte, warum nicht.” So erfrischend spontan sind trendige Geschäftsleute.

Noch stärker menschelt der Wanne-Eickel-Produzent. Der hatte seine Idee – laut ‘Frankfurter Allgemeine Zeitung’ – nachts in einer Bar, “nach dem zwölften Tequila”.

Er kennt allerdings sehr wohl die Grenzen, wenn auch nicht unbedingt beim Tequila, so doch beim Geschäft Casts gegen Cash. Die Hauptrolle in seinem Film nämlich spielt Jürgen Drews, der dafür nicht bezahlt, sondern im Gegenteil eine Gage bekommt.

Jürgen Drews ist jener ältere Herr, der im Privatfernsehen gerne Frauen, die zwei Generationen jünger sind als er, an den Busen greift. Wenn’s um solche Späße geht, dann ist der gesetzt. Deshalb kam wohl auch der Tequila-Trinker nicht um ihn herum.

Und wegen sowas Ähnlichem lassen sich auch beim Wochenrückblick nicht ein paar Euro nebenbei machen. Da ist nämlich die Besetzung der Rollen ebenfalls vorgegeben – durch die schnöde Realität. Die ist sogar noch unerbittlicher, als es die Späße von Jürgen Drews sind.

Deshalb muss diesmal auch Dietmar Hopp rein, der Ex-Aufsichtsrats-Chef der SAP. Der hat diese Woche einen Brief an alle Angestellten seines ehemaligen Unternehmens geschrieben, weil von denen einige eine Betriebsratswahl angeregt hatten.

Hopp nun erklärt den Arbeitsmännern und -frauen, was gut für sie ist. Am besten sei – findet er – gar nicht zu wählen, weil schon der Aufsichtsrat “als Quasi-Betriebsrat” agiere, wodurch er – Hopp – ebenfalls quasi zum Ex-Betriebsratsvorsitzenden würde.

Auf jede Fall aber sollten die Leute zeigen, “dass sie sich nicht fremdbestimmen lassen”. Womit der Ruheständler, der keinerlei Funktionen bei der SAP mehr inne hat, allerdings nicht vor seinen Einflüsterungen, sondern vor dem Einfluss der IG Metall warnt. Nur ohne die IG Metall “können wir eine Diskussion vermeiden, ob Walldorf noch der richtige Standort ist”, fängt Hopp dann gleich einmal an, mit sich zu diskutieren.

Es gibt sie also noch: Verrückte Aktionen, die nicht die Form einer Internet-Auktion annehmen. Dietmar Hopp ist – noch mal quasi – der Jürgen Drews der IT. Wenn der was sagt, dann ist er gesetzt für jede Glosse, die sich mit der Computerei befasst. Leute wie den, die gibt’s nicht Ebay.

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