Verantwortung

Enterprise

Jetzt mahnen sie wieder alle. Mahnen ist so etwas Ähnliches wie nörgeln, also wenn man von Prinzip her ja keine Einwände hat, aber halt doch was dagegen sagen will oder muss.

Mahnen ist nörgeln, allerdings auf einem sehr gehobenem Niveau, quasi die staatsmännische Version davon. Und deshalb geht’s dabei auch immer um Verantwortung. Und die mahnen jetzt alle an: die Merkel, der Stoiber und sogar eher vernachlässigbare politische Größen wie der designierte bayerische FDP-Generalsekretär.
 
So hat die Bundeskanzlerin bei ihrer Ansprache zum Tag der deutschen Einheit am Dienstag mahnend gefragt: “Was sagen wir zum Beispiel in diesen Tagen den Mitarbeitern von BenQ, die so mir nichts dir nichts auf die Straße gesetzt werden sollen?”

Vielleicht das, was sie im Januar auf dem Weltwirtschaftsforum formuliert hat: “Die Ängste der Menschen rühren zum großen Teil daher, dass sie das Vertrauen darauf verloren haben, dass Politik die Folgen der Globalisierung gestalten kann.”

Das würde sie aktuell allerdings wohl eher als unpassend empfinden. Da könnten die Noch-BenQler ja draufkommen, dass das stimmt oder dass die Ausgestaltung der Weltwirtschaft durch Angela Merkel ihnen vielleicht gar nicht gefallen könnte.

Deswegen hat sie auch lieber bei Siemens “eine besondere Verantwortung für seine früheren Mitarbeiter” angemahnt: “Diese Verantwortung muss wahrgenommen werden” – wie der in Davos von der Bundeskanzlerin für sich und ihre Kollegen postulierte “Gestaltungsauftrag”.

Der bayerische Ministerpräsident kommt diesem natürlich nach, weil er ja immer macht, was seine Parteifreundin sagt. Und er hat denn auch nach einem Telefonat mit dem Chef Klaus Kleinfeld “den klaren Eindruck gewonnen, dass die Siemens AG zu ihrer Verantwortung für die früheren Mitarbeiter steht”.

Vielleicht hat er sich dabei gedacht: Die hat sich aber auch dilettantisch angestellt, diese Siemens AG: die Handy-Sparte an Taiwanesen abzugeben!

Der Freistaat handelt sowas ja sehr viel professioneller. Der hat sein Bayernwerk an die VIAG verkauft. Jene heißt mittlerweile EON und hat die Mobilfunkabteilung an British Telecom abgegeben. Die hat sie in Cellnet umbenannt, später in BT Cellnet, dann in mmO2 und schließlich in O2. Die wiederum gehört heute dem spanischen Telefonica-Konzern.

Auch bei der Telefonica fallen laufend Stellen weg. Aber für wie viele davon jetzt der bayerische Ministerpräsident “eine besondere Verantwortung” trägt, davon kann nach alldem selbst so ein blitzgescheiter Politiker wie der Stoiber keinen “klaren Eindruck” haben. Sowas muss man doch einsehen!

Sogar die bayerische FDP kommt ihrer Verantwortung nach. “Die Schließung der Standorte und die Gefahr für insgesamt 3000 Arbeitsplätze in Deutschland macht deutlich, auf welch wackligen Füßen die momentane Konjunkturerholung in Deutschland steht”, erklärt der hiesige designierte FDP-Generalsekretär (Orthografie- und Interpunktionsfehler korrigiert).

Und: “Es bleibt weiterhin oberstes Ziel aller wirtschaftspolitischen Anstrengungen, die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen zu stärken.” Wenn dem nämlich so nachgekommen worden wäre, wie die FDP das will, dann hätte Siemens nicht die Taiwanesen zu Hilfe holen müssen, um seine Handy-Schrauber loszuwerden. Dann hätte der Konzern die selber ohne viel Aufhebens rauswerfen können.

Martin Zeil heißt der Mann, der so verantwortungsbewusst Presse-Erklärungen absetzt. Ein Name, den man sich zum Glück nicht merken muss. Weil: Was es an Liberalität im Freistaat so braucht, das macht der Stoiber schon selber.

Ja, und sogar der vielgescholtene Siemens-Chef gibt sich verantwortungsvoll. “Hi, I’m Klaus Kleinfeld”, sagt er in dem Video auf der Homepage seines Konzerns, in dessen Verantwortung es läge, “to find answers to some of society’s toughest challenges. That responsibility (deutsch: Verantwortung) to society at large is part of our daily life at Siemens. And we take it seriously.”

Und dann sagt er noch: “I invite you to look around our site.” – No, thank you, Klaus. Alles, was man über Verantwortung wissen muss, das haben wir jetzt.

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