Urlaub von der IT – Teil II

Enterprise

Schon seit über einer Woche nun kommt immer wieder diese Welle vorbei, um ein bisschen Gischt an den Strand zu spucken. Ansonsten gibt es keinerlei Ereignisse, die den wunderbar ereignislosen Lauf der Zeit stören könnten.

Es ist wirklich erstaunlich, wie wenig man die ständig aufgeregt Nachrichten produzierenden IT-, Chip- und Telekommunikationskonzerne eigentlich vermisst. Weit, weit weg sind sie.

Und da geschieht es: Wie Trugbilder tauchen sie im Gegenlicht auf. Durch die zusammengekniffenen Augenlider aber sind sie dennoch ganz deutlich zu erkennen, die Firmenlogos eines halben Dutzends High-Tech-Unternehmen.

Eine Wahnvorstellung, ausgelöst durch massiven Arbeitsentzug? – Nö, eine Gruppe britischer Touristen mit bedruckten T-Shirts.

Was kann Menschen bloß dazu bringen, wie wandelnde Litfasssäulen herumzulaufen? fragt man sich indigniert. Schließlich sieht ja die Kleidung von immer mehr Leuten aus wie ein bebilderter Auszug aus dem Handelsregister.

Und wenn wo groß und aufdringlich beispielsweise Nike oder Adidas draufsteht, dann bekommt man das entsprechende Kleidungsstück ja nicht etwa als Werbegeschenk gratis, sondern muss im Gegenteil aus unerfindlichen Gründen sogar mehr dafür hinlegen.

Warum also tun die sowas? – Wer Druckerzeugnisse verbreitet, und sei es, indem er ein beschriftetes Unterhemd mit sich herumträgt, der will einem etwas sagen. Früher etwa hat man sich mit seinem T-Shirt beispielsweise als Sportler zu erkennen gegeben: “Mach mit beim Lauftreff!”

Oder man hat – graduell abgestuft – seinem Chauvinismus Ausdruck verliehen: “I love Munich” – “Es gibt Badische und Unsymbadische ” – “Proud to be American! Protect our Flag!” Oder man hat sich als Fan geoutet – je nach Einstellung als einer der Rolling Stones, von Che Guevarra oder von James Bond.

Was aber wollen diese ehrenamtlichen Werbeträger, auf die man heutzutage überall trifft, einem mitteilen? – Wahrscheinlich das gleiche.

Zumindest ist es nur schwer vorstellbar, dass jemand ein Infineon-Shirt anzieht, weil er sich so sehr für die MRAM-Chips begeistert, die die klugen Ingenieure dieses Konzerns entwickeln, oder für dessen Kryptographie-Bausteine. Schon eher möchte so jemand ein bisschen was vom glamourösen Formel-1-Image abhaben, das Infineon sich mit dem Geld gekauft hat, das seine Aktionäre leichtsinnigerweise den Unternehmenslenkern anvertraut haben. – Dass dabei der eine oder andere von diesen Lenkern gleich mitgekauft wurde, hat jetzt dem ehemaligen Vorständler Andreas von Zitzewitz ein Jahr Gefängnis auf Bewährung eingebracht.

Bei Infineon-Shirts ist es eindeutig: Ein Sportsfreund, wer sowas anhat. Vielleicht sollte man solchen Leuten sagen, dass ein altes Lauftreff-Trikot weniger peinlich wäre.

Vodafone steht auf dem Shirt eines anderen Briten. Ein Nationalist, wie unschwer zu erkennen ist.

Vodafone hat die Übernahmeschlacht gegen Mannesmann gewonnen, den Konzern, der wie kein anderer für die Überlegenheit der deutschen Schwerindustrie über jene Großbritanniens stand. Danach hat Vodafone das Symbol deutscher Ingenieurskunst zerschlagen, in Teilen verhökert und nur die Mobilfunksparte behalten.

Ja, rule Britannia. Britannia rule the waves. Im Mega- und im Gigahertz-Bereich.

Und wie Vodafone die deutsche Elite nach dem Deal vorgeführt hat! Nicht vollkriegen konnte die ja ihren Hals.

Wegen der zaghaften Versuche der hiesigen Gerichtsbarkeit ihr das auszutreiben, entwickelte Josef Ackermann, der hierzulande bestbezahlte Manager, zu ihr ein Verhältnis wie der berühmteste britische Kriegs-Premier zum militärischen Feind und zeigte Justitia das seit Winston Churchill bekannte Zeichen.

Für 3,2 Millionen Euro darf Ackermann sich jetzt freikaufen. Was einmal mehr zeigt, was in Deutschland alles käuflich ist. Deshalb wohl trägt er dieses T-Shirt, der Brite, weil es Vodafone den Hunnen einmal so richtig gegeben hat.

Das Siemens-Logo prangt auf dem eines anderen. Der aber vermutlich gleichwohl genauso patriotisch ist. Das Geschäftsgebahren von Siemens nämlich besteht ganz offenkundig aus dem Stoff, aus dem man in Großbritannien Heldengeschichten schreibt.

Undurchsichtige Geschäfte mit dubiosen Taiwanern. Millionen in schwarzen Kassen. Nie weiss man, ob hinter einem vermeintlich Guten – der konzerneigenen “Compliance”-Abteilung, die eigentlich dafür sorgen soll, dass alles mit rechten Dingen zugeht – nicht doch ein paar Schurken stecken. – Fantasievoller hätte Ian Fleming sich das auch nicht ausdenken können.

Wenn es im Wirtschaftsteil einer Zeitung dieser Tage um Siemens geht, dann schlägt das den neuen James-Bond-Streifen um Längen. Nur der CEO muss noch ein bisschen üben, beispielsweise dass Mann sich zuerst mit seinem Nachnamen vorstellt, wenn es zugeht wie bei Siemens: “My name is Kleinfeld, Klaus Kleinfeld.” So ihm diese Rolle denn zukommt.

Trotzdem: Dass die Leute sich nicht schämen, so herumzulaufen, denkt sich der Schreiber, während die Welle vorbeikommt und wieder ein bisschen Gischt an den Strand spuckt.

Da fällt – durch die zusammengekniffenen Augenlider – sein Blick auf sein eigens T-Shirt. Aus einem Press-Kit hat er es. Da stecken immer viele nette kleine Aufmerksamkeiten drin. Für die Journalisten, damit sie über nette Unternehmen nett schreiben.

“hp – Hewlett-Packard” steht auf dem T-Shirt. Vielleicht sollte sich der Schreiber einmal ein paar Gedanken über illegal abgehörte Telefonate, geschasste Spitzenmanagerinnen und missglückte Unternehmensfusionen machen.

Dafür aber ist es viel zu schön hier am Strand. Deshalb entschließt er sich, statt dessen morgen ein paar neue T-Shirts zu kaufen – weiß und ohne Aufschrift.

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