Der Gipfel

Enterprise

Zehn Mal werden wir noch wach. Heisa, dann ham’s wir vollbracht.

Dann haben wir das Informatikjahr 2006 hinter uns: 1500 Einzelveranstaltungen und diese Woche, am Montag, dann noch die bedeutendste und exklusivste – der IT-Gipfel in Potsdam. Eingeladen hatte die Frau, die uns alle regiert: die Angela Merkel.

“Es ist für Politiker sehr wichtig, dass sie auch einmal etwas Neues aufnehmen können und nicht immer nur das Gleiche sagen”, erklärt sie in ihrer Eröffnungsrede. Was fein beobachtet, aber halt schwer durchzuhalten ist.

Deshalb konjugiert die Regierungschefin denn auch neun Minuten lang ihr Lieblingsverb “schaffen” durch, stellt das ganze unter das Motto “IT an die Weltspitze bringen”. – Und fertig ist die High-Tech-Strategie.

Ihre Kernaussagen lauten: “Was wollen wir schaffen? Was können wir schaffen?… Das ist aus meiner Sicht ganz wichtig.”

Seit man die Frau im Juli zum Spiel Deutschland gegen Portugal in Stuttgart ins Daimler-Stadion gelassen hat, redet die ja bloß noch wie der Klinsmann. Nur, dass ihre Leute es halt oft nicht so gut treffen wie die vom Klinsmann.
 
Der Glos beispielsweise, ihr Wirtschaftsminister. Der Mann erweckt nun schon seit gut einem Jahr den beängstigenden Eindruck, als sei er ob der Nahl-Stoib-Münte-Glos-Logik in ein tiefes, schwermütig-dumpfes Grübeln verfallen.

Dabei ist die Sache von damals doch ganz einfach: Andrea Nahles sollte SPD-Generalsekretärin werden, weshalb Franz Müntefering nicht Vorsitzender bleiben mochte. Deswegen sagte Edmund Stoiber, dann wolle er auch nicht nach Berlin. Und mit diesem stichhaltigen Argument ist Wolfgang Glos schließlich Wirtschaftsminister geworden. Das letzte Glied dieser Kette, nun scheint er das allerdings, noch nicht so ganz nachvollzogen zu haben.

“Über 40 Prozent der Unternehmen melden Schwierigkeiten beim Besetzen offener Stellen”, beklagt die unter dem Vorsitz von Glos tagende “Arbeitsgruppe 1: Informationsgesellschaft 2010” auf dem IT-Gipfel. Der Minister erklärt dies damit, die Studenten seien halt ein bisschen “bequem geworden, was die Studienrichtungen angeht”. Es würden immer stärker “Betreuungsberufe” gewählt. Jedenfalls habe er so den Eindruck.

Tatsächlich aber steigt seit Jahren die Zahl der Informatiker, die hierzulande auf den Arbeitsmarkt drängen. 2003 waren’s 7990, 2004 10.856 und 2005 13.600. Einen richtigen Fachkräftemangel wird’s erst demnächst geben, dann, wenn die ihr Studium abschließen, die es unter dem Eindruck des Crashes der New Economy aufgenommen haben. Unter denen nämlich gibt’s tatsächlich wenig Informatiker.

Cobweb-Theorem nennt der Volkswirt dieses Phänomen, wonach das Angebot, beispielsweise jenes an akademisch ausgebildeten Arbeitskräften, halt einfach paar Semester braucht, bis es der Nachfrage, etwa jener, die IT-Firmen so entwickeln, hinterherkommt. Der Bundeswirtschaftsminister könnte diesen Sachverhalt vielleicht eher kapieren, würde man es ihm langsam und mit Hilfe des Begriffs “Schweinezyklus”, der dasselbe meint, erklären. Jedenfalls hat man so den Eindruck.

“Wir brauchen Mut zu Leuchtturmprojekten” heißt es in der Abschlusserklärung des IT-Gipfels. Der Satz stammt sicherlich von der ebenfalls in Potsdam anwesenden Bundesforschungsministerin Annette Schavan. Annettes Wunderwelt, das ist ja die, die im wesentlichen aus Leuchttürmen, Clustern und Exzellenzen besteht.

Bevor sie ihre gegenwärtige Stelle antrat, machte sie den gleichen Job in Baden-Württemberg. Dort spricht man einen Dialekt, der vor allem darin besteht, dass man Wörter einspart. “Bein” beispielsweise. Dafür verwendet man in Deutschlands Südwesten das Wort “Fuß” mit. Kein normaler Schwabe oder Badenser aber kommt mit einem derart drastisch reduzierten Wortschatz aus wie seine ehemalige Kultusministerin.

Wolfgang Schäuble hat in Potsdam die Arbeitsgruppe “E-Government” geleitet. Diese verlangt: “Für die elektronische Kommunikation zwischen Bürgern und Behörden sind verlässliche Kommunikationswege auf- und auszubauen, die spam-, virenfreie und wo notwendig rechtverbindliche Kommunikation erlauben.”

Eine Forderung die in vielerlei Hinsicht erstaunt: Was, so fragt man sich, soll ein Kommunikationsweg denn auch anderes erlauben als Kommunikation? Und wozu soll er sonst auf- und ausgebaut werden?

Das ist in der Sprache halt anders als in der IT. Nur in letzterer ist Redundanz immer eine feine Sache. Vor allem aber: Wenn diese Wege frei von Malware sein sollen, wie kann das Bundeskriminalamt dann die Trojaner für die Online-Durchsuchungen verschicken, die der Bundesinnenminister will?

Ach ja. Ein Trost bleibt: 2007 wird es keinen IT-Gipfel geben. Das wird nämlich das Jahr der Geisteswissenschaften.

“Unter dem Motto ‘Die Geisteswissenschaften. ABC der Menschheit’ lassen sich diese Fächer ab Januar 2007 hautnah erleben – von A wie Anglistik bis Z wie Zentralasiatische Sprachen und Kulturen”, ist auf der offiziellen Website zu lesen.

Das lässt hoffen. Zwischendrin nämlich liegt D wie Deutschkurs – für die Bundeskanzlerin und ihre Minister.

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