Waisch waas?

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Das Fatale am Versuch, etwas besonders fein zu formulieren und so selbst auch als ein bisschen fein zu erscheinen, besteht darin, dass man sich dabei leicht lächerlich macht. Die bizarrsten sprachlichen Konstrukte sind so entstanden.

Besonders verdient gemacht haben sich auf diesem Gebiet die Schriftführer von Feuerwehren und Fußballclubs in der Hochzeit des deutschen Vereinswesens, in den 50er und 60er Jahren. Die waren meist durchaus beredt, diese Schriftführer, und wären sehr wohl in der Lage gewesen, beispielsweise erfolgreich für ein Vereinsfest zu werben.

“Kommt halt. Es wird bestimmt wieder schön. Musik gibt’s und Bier. Und wir brauchen doch das Geld für die Vereinkasse”, hätten sie sicherlich gesagt. Haben sie aber nicht, weil’s doch schriftlich sein musste – fürs Gemeindeblatt. Wenn man aber etwas schreibt, dann muss man sich vornehm ausdrücken, haben sie sich gedacht. Und deshalb konnte man damals häufig den kuriosen Satz lesen: “An die Bevölkerung ergeht herzliche Einladung.”

Oder der Schwabe. Wenn der etwas Bedeutendes sagen und dabei vor allem seine eigene Bedeutung unterstreichen will, dann versucht er’s mit etwas ihm sehr Wesensfremdem, mit dem Hochdeutschen. Wenn zum Beispiel ein alter Sack auf einer Betriebsfeier nach ein paar Bier eine junge, knackige Kollegin anbaggern will, dann leitet er die Lebensweisheit, die er zu dem Behufe gönnerhaft zum Besten geben will, nicht wie sonst üblich mit: “Waisch waas?” (Weißt du was?) ein, sondern mit: “Darf ich dir einmal etwas sagen?”

Richtig “einmal” sagt er dann, nicht “oimol” und “etwas”, nicht “äbbes”. Hochdeutsch halt, obwohl man hochdeutsch doch ansonsten nur in der Gegend um Hannover, keinesfalls aber in Stuttgart spricht.

In diesen Tagen allerdings wird auch in Hannover meist nicht hochdeutsch gesprochen. Es ist nämlich CeBIT – womit wir dann beim unvermeidlichen Thema des Rückblicks auf diese IT-Woche wären.

Die CeBIT ist die weltgrößte Marketing-Veranstaltung. Und der Vermarkter spricht – anders als der Schwabe – wenn er wichtig tun will, nicht hochdeutsch, sondern englisch.

Die Firma logic-base etwa, die anders als es der Name vermuten lässt, im tiefsten Bayern beheimatet ist, führt in Hannover ein Stück Software vor. Wenig originell ist das. Aber was sonst kann ein Software-Haus auf einer Messe tun?

Mit “4sellers (so nennt sich das Stück Software) auf der CeBIT 2007: High-end E-Commerce ‘live on stage'” allerdings hat es diese Banalität zuvor angekündigt. Lediglich die Präposition “auf” und der Artikel “der” hat darauf schließen lassen, dass es sich um eine deutsche Pressemitteilung gehandelt hat. Wenn ein alter Vereinsschriftführer von einer derartigen Bedeutungsschwangerschaft lesen würde, würde er doch sicherlich glatt anmerken wollen, dass an die Messebesucher natürlich auch herzliche Einladung ergeht.

Ebenfalls gut dazu geeignet, die Wichtigkeit von irgendwas zu unterstreichen, scheinen Abkürzungen zu sein. Der Verein “IT Made in Germany”, der mit seinen 34 Mitgliedern wahrscheinlich nicht ganz so bedeutend ist wie ein durchschnittlicher Fußballverein oder eine freiwillige Feuerwehr, verbreitet beispielsweise auf der CeBIT seine Forderungen an die Politik unter dem Kürzel ITMIG.

Manche allerdings versuchen auch, mit deutsch klingenden, nicht abgekürzten Wörtern Wichtigkeit zu signalisieren. So die Firma Magic Software Enterprises. Die verteilt an ihrem Stand Prospekte, möchte diesen trivialen Umstand aber in besonders feine Worte kleiden, und nennt die Prospekte deswegen “nutzwertige Whitepaper”. “Nutzwertig”! Der Begriff hat das Zeug, in die Marketing-Sprache einzugehen. Auch wenn er manchen eher grenzwertig zu sein scheint.

Oder der Ort Schladen in Niedersachsen. Der hat gerade mal 5271 Einwohner und kann sich deshalb eine eigene Kommunalverwaltung nicht so recht leisten. Deswegen hat er sich mit Hornburg (2723 Einwohner), Gielde (835 Einwohner) und Werlaburgdorf (820 Einwohner) zusammengetan und dann unter der Anleitung eines FH-Professors ausprobiert, ob man mit ein paar Computern und dem Internet nicht ein bisschen Effizienz in die gemeinsamen Amtstuben bringen kann. Und so präsentiert er sich auf der CeBIT als “Pilotsamtgemeinde” in Sachen E-Government. Ja, um einen derart imposanten Begriff zu kreieren, dazu braucht es schon Professoren und Bürokraten.

“Pi-Consult across Solutions (ist heuer) erstmals auf der CeBIT in Hannover vertreten”, kann man einer anderen Pressemitteilung entnehmen, wobei das erste Wort – das mit dem Bindestrich – der Name der Firma ist. Und das zweite und das dritte bezeichnen eine Abteilung innerhalb dieser Firma. Ein “Corporate Translation Management System” stellt die her, also Software für Übersetzungen. Da fragt man sich schon, warum sie die nicht auch für ihre Pressemitteilungen nutzen.

Es werden aber auch Dinge präsentiert, die wirklich vielversprechend klingen. Sage etwa wirbt für “Unternehmensintelligenz aus der Box”. Das wär’s doch! Zur Intelligenz gehört schließlich auch, dass man sich verständlich ausdrücken kann. So ein paar Schachteln könnte man doch in den Hannoveraner Messehallen aufstellen.

Aber: Waisch waas? – Verständlichkeit, die macht überhaupt nichts her. Weil: Wenn die Leute gleich verstehen würden, um was für Schlichtheiten es oft geht, dann wären sie vielleicht kein bisschen beeindruckt.

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