Landrätinnen-Googeln

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Das Unangenehme an Scheinwelten ist, dass sie immer auch ein bisschen gruselig sind. Die virtuelle Welt etwa, die die Medien tagtäglich so völlig hardware-unabhängig aufsetzen – also losgelöst von jedweden harten Fakten.

Und da besteht das Verdienst von Google darin, laufend eine Menge Zahlenmaterial aus diesem sonderbaren Paralleluniversum zusammenzutragen. Am Dienstag dieser Woche beispielsweise diskutierte das politische Berlin darüber, ob die digitalisierten Fingerabdrücke aller Bundesbürger nicht bei den Einwohnermeldeämtern gespeichert werden sollten, über die Videoüberwachung der Autobahnen und über Online-Hausdurchsungen, über das halt, was Wolfgang Schäuble so will. – 96 Zeitungsartikel zum Thema listete Google-News.

Der Arbeitskreis Steuerschätzung entdeckte Mehreinnahmen in Höhe von 80 Milliarden Euro – 31 Artikel. Die Entführer der deutschen Geiseln im Irak stellten ein neues Ultimatum – 28. Greenpeace kritisierte Apple – 13. Und: Gabriele Pauli gab dem Stern ein Interview über dies und das – 186 Artikel!

Diese Frau ist das absolute High-Performance-System in der medialen Virtualität. Ständig Highscores, und das nun schon seit Monaten!

Im Dezember versuchte wohl einer ihrer Parteifreunde zu schmuddeln und erkundigte sich bei einem gemeinsamen Bekannten, wie sie’s denn so mit Männern halte. “Sex-Spitzel-Affäre” titelte daraufhin die Bildzeitung.

Letzten Monat gab sie dann selbst darüber Auskunft. “Der neue Mann der schönen CSU-Rebellin” überschrieb der Stern einen Artikel dazu – mit Bildstrecke selbstverständlich, auf der allerdings nicht der fragliche Mann abgelichtet war. Ebenfalls selbstverständlich.

Sogar das mediale Low-end kann Gabriele Pauli upgraden. So verlieh ihr die Frankfurter AsF (Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen) vor zwei Wochen den Olympe-de-Gouges-Preis und schaffte es damit selbst, sogar in der FAZ Erwähnung zu finden, dem Blatt, das derartige Events ansonsten eher ignoriert.

Auch das sehr absonderliche Hochglanzmagazin Park Avenue kam dank Gabriele Pauli zu geschäftsfördernder Publizität, indem es sie mit Gummi-Handschuhen ablichtete. “Latex-Lady zündelt weiter” dichtete daraufhin der Focus.

Und der Spiegel schob – wohl als Reminiszenz an die eigene, lange zurückliegende investigatorische Vergangenheit – ein “Höschen-Gate” nach. Die Landrätin habe sich beim Foto-Shooting ihrer – unter dem engen Outfit sich wahrscheinlich unvorteilhaft abzeichnenden – Unterbekleidung entledigt, schreibt Park Avenue in einer Bildunterschrift.

Wegen alldem ist die Fürther Landrätin im Cyberspace omnipräsent. Selbst wenn man bei Google die bezüglich einer bayerischen, christlich-sozialen Landrätin abseitigsten Suchbegriffe eingibt wie “SPD-Frauen”, “Kritikerin”, “Sex-Spitzel” oder “Höschen”, immer sind Seiten mit Gabriele Pauli im Page-Ranking ganz oben.

Für ihren Posten im Zirndorfer Landratsamt wolle sie bei der nächsten Wahl nicht mehr kandidieren. Mit dieser Meldung schaffte sie es vor einem Monat in die Schlagzeilen. “CSU-Rebellin strebt nach Höherem”, schrieb damals das Handelsblatt.

Wenn alle anderen Stricke reißen, böte sich hier vielleicht eine akademische Karriere an. Über “Polit-PR. Strategische Öffentlichkeitsarbeit politischer Parteien. Zur Praxis der CSU” hat Dr. rer. pol. Pauli ja 1986 promoviert. Da wäre doch “Polit-PR am Beispiel von Gabriele Pauli” ein lohnendes Thema für eine sicherlich brillante Habilitationsschrift.

Edmund Stoiber hat Gabriele Pauli ja beschieden, sie sei nicht wichtig. Und wahrscheinlich versteht er es bis heute nicht, wie seine Partei den Ärger, den er mit der Verwaltungschefin des kleinsten bayerischen Landkreises hatte, zum Anlass nehmen konnte, ihn zum Rücktritt zu zwingen. Schließlich ist Stoiber ein Schwergewicht – auch im Web: 1.260.000 Treffer listet Google.

Bis auf die Bundeskanzlerin (3.000.000) lässt er alle Unionspolitiker weit hinter sich. Wolfgang Schäuble kommt auf gerade mal 797.000. Und den Suchindex für den weitgehend unbekannten Verteidigungsminister Franz Josef Jung (302.000) könnte man auf ein paar Floppies abspeichern.

Jetzt aber sucht die bayerische Regierungspartei populäre Nachfolger für die beiden schönen Posten, die Stoiber versprochen hat, freizumachen. Günther Beckstein (473.000) und Erwin Huber (263.000) haben vereinbart, sie unter sich aufzuteilen.

Horst Seehofer bewirbt sich ebenfalls. Der bringt es aber auch nur aufgrund einer publizitätsträchtigen außerehelichen und zudem wohl bald noch mit Nachwuchs gesegneten Beziehung auf 502.000 Webpages.

Aber vielleicht gibt ja doch noch jemand aus der Macht- und Parteizentrale des weißblauen Freistaats bei Google die beiden Suchbegriffe “CSU” und “populär” ein. Da würde er dann nämlich auf eine Anzeige mit dem Link auf www.focus.de/pauli stoßen. Und dahinter verbirgt sich eine Artikelsammlung mit Headlines wie “Kompetent mit schwarzen Handschuhen”, “CSU-Rebellin posiert im Domina-Outfit” und “Ich bin bereit fürs Kabinett”.

Auf 998.000 Seiten im Web bringt es die Frau, um die es dort und hier geht. Das ist Weltklasse! Viel prominenter in dieser seltsamen Parallelwelt ist eigentlich nur noch eine: mit 37.000.000 Google-Treffern Britney Spears.

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