Silver Surfer

Enterprise

Sie ist eigentlich gar nicht so, diese Jugend von heute. Früher war das ja ganz anders. Da gab’s noch richtige Generationenkonflikte.

“Trau keinem über Dreißig” betitelte damals etwa der Sponti-Zeichner Gerhard Seyfried seinen Karikaturenband über die 68er. (Mittlerweile allerdings steht er auch schon im 60. Lebensjahr.)

Und die Stones höhnten dazu: “What a drag it is getting old”. Inzwischen aber wissen auch diese hoch betagten Herren – ihr Durchschnittsalter liegt bei 63 – dass es überhaupt nicht tragisch ist, wenn man jenseits der Frühverrentungsgrenze noch ordentlich Geld mit den Liedern aus seiner längst vergangenen Jugend macht.

Und überhaupt redet man heute viel respektvoller über diejenigen, die man damals “alte Säcke” genannt hätte. In der Marketing-Sprache heißen die jetzt “Silver Surfer”, “Master Consumer” oder sogar “Golden Ager”, was daran liegt, dass einige davon finanziell ganz gut gestellt sind. Denn nichts nötigt einem Verkäufer so viel Respekt ab wie Geld.

Die IT-Industrie würde sich ebenfalls liebend gerne um die Altchen kümmern. Das sagen deren Manager, wenn man sie zum lautstark beklagten Fachkräftemangel befragt. Keiner, der nicht betonte, wie gerne er doch auch ältere Bewerber einstellen würde.

Aber viele seien halt schon etwas altersstarrsinnig. Und die wollten unbedingt anständig bezahlt und nicht bei nächster Gelegenheit gleich wieder gefeuert werden.

Als eine Art Nachfolgeorganisation der Grauen Panter sieht sich denn auch gerne der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK), was im Lichte des Senioritätsprinzips durchaus seine Berechtigung hat: Das Durchschnittsalter des Präsidiums liegt bei 62 Jahren.

Und alle sind sie Golden Ager. Keiner muss sich Sorgen um sein finanzielles Auskommen oder seinen Arbeitsplatz machen.

Dieser Tage erst hat sich Martin Wansleben, der Hauptgeschäftsführer und mit 58 Jahren der Benjamin in der Führungsriege des DIHK wieder schwer ins Zeug gelegt, um Beschäftigungshemmnisse wegzuräumen. ”Die Arbeitnehmer in Deutschland müssen mehr Ferien- und Freizeit in Weiterbildung investieren”, verriet er der Berliner Umschau. Und das gelte vor allem für Ältere.

Sogar richtig radikal geben sich die Geriatrie-Experten vom DIHK, wenn es um ihre neu entdeckten Schutzbefohlenen geht. “Mehr Chancen für Ältere am Arbeitsmarkt!” fordern sie in einem so genannten Impulspapier des Vorstandes. Ehemalige 68er unter den Arbeitslosen mag das an den Duktus erinnern, den man früher bei Demos pflegte.

“Sonderregelungen für Arbeitnehmer allein aufgrund ihres fortgeschritteneren Alters … gefährden die Arbeitsmarktchancen dieser Gruppe”, argumentiert der DIHK. Zu den schlimmsten Benachteiligungen gehörten demnach: “ein höheres Gehalt, eine Form der Verdienstsicherung oder ein besonderer Kündigungsschutz”.

Und wahrscheinlich wundern sich die Kammerherren doch sehr, dass sich die in die Jahre gekommene 68er-Generation so viel Diskriminierung einfach bieten lässt. Wo sie früher doch gegen alles und jeden protestiert hat.

Etliche Politiker sehen das genauso. Der baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger (53) etwa, laut Spiegel einer der bekanntesten Anti-68er. Der war zwar damals dagegen, dass alle dagegen waren, aber gerade deshalb auch voll dabei.

Oettinger hatte gegenüber der Nachrichtenagentur dpa vorgeschlagen, den Kündigungsschutz “zeitweise auszusetzen”. Im Mai wollte er das auch schon. Da nannte er es “versuchsweise”.

Auf Bundesebene tritt vor allem der Wirtschaftminister Michael Glos (62) dafür ein. Der formuliert allerdings etwas bedachter als sein baden-württembergischer Parteifreund und sagt deshalb lieber: “Der Kündigungsschutz darf kein Tabuthema sein.” So vergangenen Monat wieder – auf dem Forum des Zentrums für europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim.

Und wahrscheinlich kann es keiner von denen verstehen, dass die Altchen ihnen nicht trauen, sondern dann schon eher den Youngsters. Die sind ja wirklich nicht so. – Und außerdem ist es für einen Menschen im fortgeschrittenen Alter weniger gefährlich einer Jugendbande in die Hände zu fallen als dem DIHK.

Nur auf eines muss man achten als Silver Surfer. Man muss wissen, wann es Zeit ist abzutreten und sich ins Austragsstüberl zurückzuziehen. Und das ist spätestens dann der Fall, wenn man so tütelig wird, dass man anfängt, diesen Altenpflegern in der Politik und den Wirtschaftsverbänden auch noch zu trauen.

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