IT ist kinderleicht

Enterprise

Es ist schon komisch: Über 1,2 Millionen Web-Seiten findet Google, in denen die Wörter “Computer” und “kompliziert” vorkommen. Dabei kann kaum etwas gegensätzlicher sein als dieses Begriffspaar.

Computer nämlich sind überhaupt nicht kompliziert. Im Gegenteil! Man merkt das immer wieder, wenn man Kindern etwas am PC erklärt. Dann bekommt man stets zu hören: “Das ist ja Pipi.”

Der ursprünglich Wortsinn von “Pipi” ist Harn. Übertragen bedeutet es “einfach”. Was die kleinen Philosophen den meist etwas sperriger formulierenden Erwachsenen damit sagen wollen: IT ist so einfach wie Pinkeln.

Sehr viel Hintergründiges steckt in diesem schlichten Satz. So finden sich die weltweit nun wirklich jedem bekannten Symbole auf Klotüren und auf der Benutzeroberfläche des Microsoft-Betriebssystems: Das x ist zum Wegklicken, das Rechteck für’s Vollbild, das weibliche Piktogramm markiert die Toilette für Frauen, das männliche die für Männer, und das Windows-Logo links unten – das, neben dem “Start” steht – muss man nehmen, wenn man die Arbeit am Rechner beenden will.

Logisch ist das nicht immer, aber halt jedermann bekannt. Und deshalb weiß man überall auf der Welt, wo man hingehen muss, wenn es einen drückt. Und man kann überall mit Windows-Rechnern arbeiten.

Aus eben diesem Grund ist man auch gut beraten, Kindern nicht etwa die Bedienung eines Videorekorders erklären zu wollen. Das ist so ein Gerät, das sehr viel weniger kann als PCs, aber in der Handhabung ungleich schwieriger ist.

Dafür muss man stets einen Knopf gedrückt halten und dann mit einer Kombination aus einigen anderen einen Wert einstellen. Nie kann man sich das merken, vor allem weil es bei jedem Apparat anders ist. – Da würden sich die kleinen Wissensdurstigen schnell gelangweilt und entnervt abwenden, weil die noch den Blick für’s Wesentliche haben.

Beherrschbar wird ein Videorekorder erst, wenn er die Form einer Fernsehkarte für den PC und eines Stücks Aufnahme-Software angenommen hat. Da gibt es dann wieder das x, das Rechteck und den Start-Button. Am Rechner funktioniert halt alles gleich, egal ob es sich dabei um Fernsehen, Textverarbeitung oder Data Mining handelt.

Ja, sogar die komplizierte Sache der Welt wird einem dank der modernen IT erleichtert: herauszufinden, wie viele Streifen einer Mehrfahrkarte man entwerten muss, um ein Ziel mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen. Beschrieben wird dies zwar auch in so genannten “Fahrgastinformationen” in Glaskästen an den Haltestellen. Die aber sind stets ähnlich unverständlich wie ein Quell-Text im Assembler Code für einen gewöhnlichen PC-Nutzer.

Mit etwas Geduld kann man sein Fahrtziel allerdings auch in den Fahrkartenautomaten eintippen per Touch-Screen und Auto-Completion. Der ist ja eigentlich auch ein Computer, nur eben einer mit einem nicht ganz so User-freundlichen Interface. Statt eine Karte zu kaufen, kann man mit dieser Methode die Streifenzahl erfragen.

Gut, man könnte sein Ziel auch per PKW erreichen. Autos sind heute schließlich ebenfalls in erster Linie Computer. Aber sie haben viele nur schwer beherrschbare Features. Mal verriegelt die Tür. Mal schaltet sich aus unerfindlichen Gründen die Wegfahrsperre ein. Was man da doch sehr vermisst, ist ein Exit-Button oder die drei Zaubertasten vom PC: Alt+Ctrl+Del, um den motorisierten Rechner neu zu booten.

Laufen ginge auch. Kinder können das ja, noch bevor sie die Sache mit dem Pipi zivilisiert zu erledigen in der Lage sind. Das scheitert aber schon am Equipment, das man für eine längere Strecke benötigen würde. Die Zeiten, als man einfach in ein Geschäft gegangen ist und ein Paar Turnschuhe gekauft hat, sind schließlich längst vorbei.

Heute müsste man da entscheiden, ob man eine Meshzunge, ein Bareflex-Profil, eine Feather-Konstruktion im Vorderfuß oder einen ClimaCool-Schaft für den Feuchtigkeitstransport möchte. Welchen Wert man der Torsionssteifigkeit beimisst, dem Quick Strike für die Dämpfung oder dem Abrollverhalten. Da geht man doch lieber mit den alten Tretern die paar Schritte zum Fahrkartenautomaten.

Gänzlich kompliziert wird die moderne Warenwelt schließlich, wenn man Gebrauchsanleitungen zu Rate zieht. Jene für eine Spülmaschine ist dabei in der Regel umfangreicher als die Dokumentation für eine Hochleistungs-Workstation.

Man wird zunächst einmal nachträglich in seiner Kaufentscheidung bestärkt: “Herzlichen Glückwunsch zum Erwerb…”. Und dann wird einem nahegelegt, jetzt aber die Finger von der Neuanschaffung zu lassen: “Überlassen Sie… einer sachkundigen Fachkraft.” Vor allem aber möchte der Hersteller nicht mit irgendwelchen Fragen behelligt werden. “Auskünfte erteilt das zuständige…”.

Es steht das gleiche drin wie früher in den PC-Handbüchern, wer dafür verantwortlich zu machen ist, wenn etwas erwartungsgemäß nicht funktioniert: ein anderes Unternehmen oder noch besser: der Anwender selbst. Und an wen man sich dann wenden solle: keinesfalls an den Hersteller. Aber nur mit IT-Manuals hat man gelernt umzugehen. Man weiß, dass man sie am besten ignoriert.

Die erste Seite, die Google zum Begriffspaar “Computer” und “kompliziert” listet, stammt übrigens vom Bundesministerium für Bildung und Forschung. Darauf geht’s darum, dass man halt aufpassen muss, wenn man gemeinsam mit jemandem anderen am Rechner einen Text erstellt, damit man sich nicht ins Gehege kommt.

“ArKoS” nennen die im Ministerium das, “Architektur zum Management kollaborativer Szenarien”. Ein Akronym mit zwei Klein- und drei Großbuchstaben, von denen einer für ein eigentlich kleingeschriebenes Adjektiv steht.

So ist es dann auch wieder: Einen Turnschuh zu verkomplizieren, ist einfach. Das kann selbst ein missmutiger Verkäufer im Sportgeschäft. Aber um so zu tun, als sei die Computerei etwas Schwieriges, dafür braucht es schon ein Ministerium.

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