Vor dem IT-Parteitag

Enterprise

Es ist schon komisch: Manchmal kommt einem etwas nur zu bekannt vor, obwohl man in dem betreffenden Thema doch nun wirklich nicht daheim ist, der Parteitag der chinesischen KP diese Woche beispielsweise.

Darüber berichtet das China Internet Information Center derzeit sehr ausführlich. Das heißt: “Berichten” ist eher das falsche Wort. Man beklatscht sich. Wie die Delegierten in Peking. So heißt es in einem Artikel mit der vielsagenden Überschrift “KP-Spitzenpolitiker nehmen an Diskussionen über Rechenschaftsbericht teil”: “Hu sagte, dieser Bericht spiegle die Weisheit der verschiedenen Nationalitäten Chinas und aller Parteimitglieder der KPCh wider.”

Im IT-Journalismus nennt man solche Texte, in denen wortreich nichts steht, Pressemitteilungen. Unter der KP-verdächtigen Headline “Brain Force präsentiert sich auf der Systems 2007” liest man da etwa: “‘Brain Force – Ihr Managed Services-Provider für Infrastructure, Security, Applications und Service Management’ – unter diesem Motto steht der diesjährige Messeauftritt des international agierenden IT-Unternehmens auf der Systems 2007.”

Ja, Messen sind so etwas wie die Parteitage der Branche. Da macht sich ein Motto gut. Das in China lautet diese Woche: “Den Menschen in den Mittelpunkt stellen”.

Sowas kommt immer gut und wird deshalb in der IT-Industrie ebenfalls so gehandhabt, nur halt etwas imposanter formuliert. Die AP AG etwa präsentiert auf der Systems das “erste User-zentrierte ERP-System”, was immer das auch sein mag.

Der Volkszeitung wiederum entspricht im IT-Journalismus die so genannte Fachpresse: Die meisten dieser Publikationen sehen ihre Hauptaufgabe darin, die Verlautbarungen – oder in dem Fall – die Pressemitteilungen der Industrie möglichst wortgetreu wiederzugeben. Mehrere solcher Fachzeitschriften haben denn auch schon die Parole von der User-Zentrierung aufgegriffen.

Allerdings hat der chinesische Mensch, der ja im Kommunismus vorzugsweise Arbeiter ist, noch nicht mitbekommen, dass er im Mittelpunkt steht, genauso wenig wie sich der User darüber im Klaren ist, dass sich irgendwelche Software auf ihn zentriert. Die Stundenlöhne im Reich der Mitte liegen bei 1,10 Euro. Deswegen befindet sich eher der kommunistische Staat selbst im Mittelpunkt – im Mittelpunkt des Interesses der Kapitalisten aus den Industrieländern zumindest.

China hat nach den USA die meisten Milliardäre und stellt vier der zehn Unternehmen mit der weltweit höchsten Börsenkapitalisierung. Angesichts solcher Verhältnisse verliert für westliche Konzernherren sogar die Revolution ihre Schrecken und sie lassen mit dem gutklingenden Wort Reklame machen.

Ericsson wirbt mit “The mobile internet revolution”, die Telekom-Tochter Das Örtliche GmbH mit “Die Revolution der Navigation” und das Mobilfunkunternehmen United Mobile mit “The Revolution in Roaming”.

Apropos Werbung: Dabei kommt es darauf an, Begriffe zu besetzen. Google ist das gelungen: “googeln” ist mittlerweile ein Synonym für “im Internet suchen”. Und Steve Jobs hat seinen MP3-Player in “Podcast” untergebracht.

In China lässt der KP-Generalsekretär Hu Jintao deswegen “Harmonie” ins Programm seiner Partei schreiben. Nicht weil er etwas in Einklang bringen möchte – die kommunistische Theorie und die kapitalistische Praxis etwa – sondern um mit dem Wort eine sprachliche Duftmarke zu hinterlassen. “Harmonie” ist Hus iPod.

Gemein ist IT-Firmen und KPs auch, dass ihre Leute nicht Klartext reden. Kommunisten agitieren. Unternehmen lassen ihre PR-Abteilung etwas kommunizieren.

Bei beiden gibt es Sprachregelungen. Talking Points heißen die in der Öffentlichkeitsarbeit, wie Firmen ihren Agitprop nennen.

Diese Sprachregelungen muss man kennen, sonst kann’s böse enden. Das Microsoft Security Response Center etwa räumte vergangene Woche ein, dass Windows mit einigen URLs nicht richtig umgehen kann. Das hatte der Konzern bis dato bestritten.

Der Grund für die verspätete Warnung vor einem Sicherheitsproblem: Man habe die Sets of Talking Points verwechselt. Das erklärt ein gewisser Jonathan vom MSRC.

So kann’s gehen. Aber sowohl in der IT, als auch bei der KP weiß man immer schon vorher, dass alles gut ausgehen wird. Das China Internet Information Center meldet unter der Überschrift “Ausländische Parteien gratulieren zur Eröffnung des 17. Parteitages”: “Das Zentralkomitee der Kubanischen Kommunistischen Partei schrieb in einem Glückwunschstelegramm, der 17. Parteitag der KPCh sei ein Meilenstein.”

Das kann man also schon mal vorab sagen. Na ja. Und bestimmt wird die Systems nächste Woche auch wieder irgendwie ein Meilenstein.

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