Liebe Kinder,

Enterprise

boah, war das wieder spannend diese Woche! Die Tante Annette ist zu euch in die Kita gekommen. Und gaaanz viel hat sie euch mitgebracht. Für euer “Haus der kleinen Forscher”.

Das ist eine “Initiative”, wie die Großen zu so etwas sagen. Und die Tante Annette ist die Schirmherrin davon und Bundesbildungsministerin noch obendrein.

Eine Million bekommt ihr kleinen Racker jetzt jedes Jahr. Da freut ihr euch aber! Das ist ein Riesenhaufen Geld. Sooo viel kostet das, was die Erwachsenen PR nennen.

Die netten Onkels von McKinsey und Siemens helfen der Frau Ministerin dabei. Die kennt ihr doch alle, gell? – Mächtig kluge Männer sind das. So klug, dass wenn der Chef von eurem Papa ihn entlassen will, er vorher die McKinseys fragt. Und solche gescheiten Männer sind so lieb, dass sie euch Geld für eure Physik-Baukästen geben. Toll, nicht?

Die von Siemens sind auch gaaanz lieb. Die nennen ihre “Initiative”: “Siemens Generation 21 – Commited to education”. Erwachsene müssen halt so kompliziert reden.

Sagt mal: Die Tante Annette, hat die vor den anderen Großen wieder von so seltsamen Dingen gesprochen? – Von Exzellenz-Wettbewerb, Leuchtturm-Projekten und Clustern.

Komisch, gell? Aber die ist auch schon sehr alt. Die könnte eure Omi sein! Nur dass eure richtige Omi auch richtig sprechen kann – so, dass ihr sie versteht. Deswegen ist sie ja Omi und nicht Ministerin.

Sowas dürft ihr aber nicht nachmachen! Weil: Ihr seid noch klein und müsst lernen, euch anständig auszudrücken. Dummes Zeug sagen dürfen nur die Großen, dann nämlich, wenn sie ganz wichtige Politiker oder Politikerinnen oder Chefs sind und PR machen.

So. Wer hat jetzt aufgepasst: Wie sagen die Erwachsenen zu diesem PR-Dings da noch? – Richtig: Initiative.

Und noch was, weil wir gerade bei den schlimmen Wörtern sind: Wenn euer Papa mal kein Geld mehr von seinem Chef bekommt, weil der die McKinseys gefragt hat, dann dürft ihr auf gar keinen Fall solche Sachen sagen, wie ihr sie vielleicht von diesen Onkels aufgeschnappt habt, also “Personalüberhang-Management” oder “Outplacement”.

Dann haltet ihr lieber eure kleinen Plappermäulchen, weil sonst der Papa nämlich sehr böse wird und meint, ihr macht euch lustig über ihn. Warum das so ist, das werdet ihr später einmal verstehen, wenn ihr selber groß seid.

Macht doch lieber, was euch die netten Herren von Siemens sagen und fragt: “Wie funktioniert unsere Welt?” Das schreiben die nämlich auf ihrer Website, der, die “Siemens Generation 21 – Commited to education” heißt, dass euch das ganz toll interessiert. Und deshalb sollt ihr “Versuche im Kindergarten zu fünf spannenden Themen: Wasser, Luft, Farbe, Licht und Strom” machen.

Unter uns: Das würden die selber gerne wissen. Das haben die nämlich auch noch nicht herausgebracht, das, wie unsere Welt funktioniert.

Die haben sich aber auch sooo doof angestellt, die Onkels von Siemens. Erwachsene sind halt auch nicht immer klug.

Die haben nämlich – anders als sie es euch sagen – mit Geld Versuche gemacht. Versuche mit “Wasser, Luft, Farbe, Licht und Strom” nennt man Naturwissenschaft, solche mit Geld Unternehmenspolitik.

Wenn Forscher – und das seid ihr ja – so etwas erforschen, dann heißt das Soziologie. Die Onkels von Siemens haben deshalb den Sohn von einem richtigen Soziologie-Professor gefragt, ob er ihnen einen wirklich lieben Betriebsrat machen kann. Und dafür haben sie ihm wahrscheinlich ganz viel Geld gegeben, noch viel, viel mehr, als die Tante Annette euch mitgebracht hat.

Der Sohn von dem Professor war aber überhaupt nicht so gescheit wie sein Papa. Der alte Professor Helmut Schelsky nämlich hat nur dumme Sachen geschrieben. Sein Sohn Willi aber hat dumme Sachen gemacht. Und dabei hat man ihn dann wohl erwischt. Das wisst ihr ja, wie blöd das ist, wenn man erwischt wird.

So etwas mit einem ganz lieben Betriebsrat, das nennt man oft auch eine “Initiative”. Die Onkels von Siemens glauben aber nicht, dass das eine gute PR war. Da ist die, die “Siemens Generation 21 – Commited to education” heißt, doch viel schöner, oder?

Es sind aber auch dolle Versuche, die ihr machen dürft! Zum Beispiel den mit der Geheimschrift. Ihr wisst schon: Da, wo man euch erklärt: “Schon in der Antike haben sich Menschen damit befasst, wie
wichtige Botschaften möglichst geheim übermittelt werden können; die Wissenschaft hiervon nennt man ‘Kryptographie’.”

Ganz schön schwierig ist das, nicht? Aber auch ganz wichtig. Weil mit dieser “Kryptographie” befassen sich heute auch wieder viele Erwachsene. Wegen dem Onkel Wolfgang, einem Kollegen von der Tante Annette, damit der nicht lesen kann, was sie mit ihrem Computer geschrieben haben.

Euch hat man dazu ja diese lustige Geschichte von dem Vincent und der Karla erzählt: Die Karla tut so, als würde sie etwas sehr, sehr Geheimes aufschreiben. Und dazu nimmt sie eine angespitzte Weihnachtskerze.

Der Vincent aber ist schlau und bekommt heraus, dass man die Geheimschrift lesen kann, wenn man mit Wasserfarben drübermalt. Und dann sieht er, was die Karla geschrieben hat, nämlich: “Wer das liest, ist doof.”

Auf der Website, wo die Tante Annette die Schirmherrin ist, steht dazu: “Geheimschriften sind eine feine Sache. Hast du Lust, Karlas Trick auszuprobieren?”

Ja, so einen lustigen Streich würden viele Erwachsenen auch mal dem Kollegen von der Tante Annette spielen. – Aber: Das tut man nicht!

Man darf zu Großen nicht sagen, dass man sie doof findet. Weder zum Onkel Wolfgang, noch zur Tante Annette und auch nicht zu den Herren von Siemens und den netten McKinseys. Weil: Die sind doch alle sooo lieb.

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