Datenschutz-Problematik: ‘Das Internet vergisst nicht’

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Der Medienrechtler und Harvard-Professor Viktor Mayer-Schönberger hat bereits mehrmals öffentlich die Einführung eines Verfallsdatums für alle Internet-Daten gefordert.

Damit sollen Bürger vor negativen Folgen geschützt werden, wenn sie private Daten online preisgeben. So könne verhindert werden, dass beispielsweise ein in einer Jugendlaune veröffentlichtes negatives Bild zu einem späteren Zeitpunkt gegen einen verwendet werden kann. Besonders Arbeitgeber greifen häufig auf die Recherche im Internet zurück, um mehr über einen potenziellen Mitarbeiter in Erfahrung zu bringen. Der Erhebung einer britischen Datenschutzbehörde zufolge müssten 70 Prozent der 14- bis 21-Jährigen nach eigener Einschätzung erst einmal ein paar Dinge aus dem Internet entfernen, bevor sie Arbeitgebern erlauben würden, nach Informationen über sie zu suchen.

“Wir leben heute in einer veränderten Informationsgesellschaft”, meint Thilo Weichert, Leiter des Unabhängigen Landeszentrums für Datenschutz (ULD) in Schleswig-Holstein. Das Internet ermögliche die nahezu unbegrenzte Datensammlung und -speicherung. Während die Menschen selbst eine Einzelheit nach der anderen vergäßen, erinnere sich das Internet minutiös und dauerhaft an alles, was über jeden Einzelnen gespeichert ist.

“Das Internet vergisst nicht, aber man kann es vergessen lassen”, erklärt Weichert. Die Forderung nach einem Verfallsdatum für Daten sei in diesem Zusammenhang durchaus gerechtfertigt. “Um das Problem technisch einzufangen, ist eine derartige Lösung, die gewährleistet, dass Daten nach einem bestimmten Zeitraum wieder gelöscht werden, sehr sinnvoll”, stellt der Datenschutzexperte fest.

Die technische Umsetzung in der Praxis sei hierbei nicht das Problem. Dieses liege vielmehr darin, dass sich diejenigen Stellen, wo die Daten gespeichert werden, auch auf eine derartige Lösung einlassen. Grundsätzlich sei aber auch die Politik gefordert. “Der Gesetzgeber muss sich stärker über den Datenschutz im Internet Gedanken machen”, fordert Weichert. Was eine gesetzliche Regulierung betrifft, sei man bisher zu zurückhaltend vorgegangen. Auch was das Bewusstsein im Umgang mit dem Internet betrifft, sei noch viel an Aufklärungsarbeit zu leisten “Viele Menschen sind sich offenbar nicht darüber im Klaren, was sie da an persönlichen Informationen im Netz offenbaren”, weiß Weichart zu berichten. Man müsse den Nutzern zudem geeignete Tools zur Verfügung stellen, die trotz den bekannten Datenschutzrisiken die Möglichkeit der Internetnutzung attraktiv bleiben lassen.

Unterdessen sind bereits mehrere Beispiele bekannt, bei denen Bürger aufgrund von im Internet veröffentlichten Informationen mit negativen Folgen konfrontiert worden sind. So soll eine angehende Lehrerin nicht mehr unterrichten dürfen, weil online ein Foto von ihr aufgetaucht sei, das sie als betrunkene Piratin mit Hut zeigt.

In den USA wurde mit ReputationDefender ein eigener Internetdienst ins Leben gerufen, der für 10 Dollar im Monat das Netz nach rufschädigenden Informationen durchsucht. Dieses Programm gibt es jetzt auch in Deutschland. Der Start in Deutschland kommt zum richtigen Zeitpunkt, da hierzulande immer mehr Datenschützer die Menschen vor den Folgen ihrer Online-Präsenz warnen. So gibt es neben dem Dienst zur Wiederherstellung der Erwachsenen-Reputation (MyReputation) einen Spezialdienst für Eltern, die ihre Kinder wieder auf die richtige Online-Bahn bringen wollen (MyChild). Auch nützlich ist ein Abwehrdienst (MyPrivacy) gegen die unzähligen Adresshändler, Identitätsdiebe und Werbeversender. Die Kosten liegen je nach Dienst in einem Rahmen von 4,95 Dollar bis 9,95 Dollar pro Monat.