Am Rande der Informationsgesellschaft

Enterprise

“Ist heute Mittwoch?” Zwei große Wellen laufen gemächlich hintereinander am Strand aus, bevor sie antwortet: “Mhmh”. – Dies heißt soviel wie: Ja.

Das  bedeutet: Heute ist der 13. Tag am Strand von Caleta de Famara. Einem Ort (auf den Kanaren), über den man zweierlei sagen kann. Erstens: Er existiert wirklich. Jedenfalls ist er auf einigen Karten verzeichnet – auf welchen im kleinen Maßstab, versteht sich.

Und zweitens: Er liegt am äußersten Rand der Informationsgesellschaft. Es gibt da nicht nur keine deutschen Zeitungen und keine englischsprachigen, sondern gar keine.

Außerdem stellt man hier erstaunt fest, dass es überhaupt keiner ganzen Sätze bedarf – in Deutsch oder Englisch halt, den Sprachen, die man leidlich beherrscht – um sich verständlich zu machen. Diese Sprachen versteht hier nämlich kaum jemand.

Aber “vino tinto de la casa”, zusammen mit einer Geste, die dem Wirt etwas Kleines bedeutet, reicht aus, und er bringt einen halben Liter Rotwein und zwei Gläser. (Ohne die ergänzende Geste brächte er einen ganzen Liter.)

Mittwoch bedeutet auch: 13 Tage ohne jedweden Kontakt mit den Machern der Informationsgesellschaft, mit Redakteuren und Agenturen. – Dies ist ebenfalls kein Verlust.

Eigentlich gehören ja zu diesen Machern auch noch die freien Zeilenschreiber. Aber die gelten nach vorherrschender Auffassung als nicht erwähnenswert.

Also zu den Redakteuren: Die gibt’s in dreierlei Dosierung. Deren höchste stellen die Chefredakteure dar. Die sind im Allgemeinen gut verträglich, weil fast nie anwesend, wo gearbeitet wird und sie stören könnten.

Die nächste Gruppe bilden die leitenden Redakteure, erkennbar am Beipackzettel-Syndrom: Sie wollen unbedingt beachtet sein. Meist handelt es sich dabei um füllige ältere Mädchen mit langer Betriebszugehörigkeit. Füllig sind sie wegen des Frustes und Frauen, weil ein Mann bei einer so langen Betriebszugehörigkeit längst Chefredakteur wäre.

Und dann sind da noch die ganz gewöhnlichen Redakteure. Sie stellen Wichtigkeit in homöopatischen Dosen dar.

Das muss jeder freie Zeilenschreiber schlucken und anerkennen, dass sein jeweils zuständiger Redakteur eigentlich ein Buch hätte schreiben können mit dem Titel “Wie ich den Journalismus erfand”.

Dass dies in bislang allen bekannten Fällen unterblieben ist, liegt lediglich daran, dass Redakteure es nicht so sehr haben mit dem Schreiben. Ihre gesamte Wortgewalt stellen sie statt dessen in den Dienst der Klage darüber, dass sie keine Zeit zum Schreiben haben.

Es ist toll, was man alles mit einer Uhr anfangen kann, wenn man nicht nur draufschaut, um zu sehen, wie lange man sich schon wieder des Redakteurs Klagelied hat anhören müssen.

Am Strand etwa spiegeln sich bei einem entsprechenden Blickwinkel  der Himmel und das Meer im Glas der Uhr. – Und man kann zuschauen, wie die Wellen am Strand auslaufen.

Die Leute in den PR-Agenturen gehören ebenfalls zu den Machern. Das sind die, die die Kunst der negativen Steganographie beherrschen. Steganographie bedeutet ja, möglichst viel Information – beispielsweise in Textform – in einem nicht allzu großen Multimedia-File, etwa einem  Bild, zu verstecken.

PR-Agenturen wiederum verstecken eine nie allzu große Informationsmenge in einem möglichst großen Text-File. Jenes nennen sie dann Presseinformation. Und weil Redakteure es nicht so sehr mit dem Schreiben haben, übernehmen sie gerne die wortreichen Textvorlagen der PR-Agenturen.

13 Tage Caleta de Famara sind auch 13 Tage ohne Mails von PR-Agenturen mit großem txt-Attachments. Man vermisst da eigentlich nix.

Aber einen Internet-Zugang gibt es hier – in einer Bodega für einen Euro die halbe Stunde: Der Arbeitgeberpräsident Diether Hundt hält die aktuelle Diskussion über hohe Managergehälter für überflüssig, steht bei Google-News. – Ja, hätte er das Gegenteil davon gesagt, dann wär’s eine Meldung wert gewesen.

Henning Kagermann wird in einem anderen Artikel mit einem drolligen Satz zum IT-Gipfel diese Woche zitiert: “Wenn die Politik… früher damit begonnen hätte, mehr Informatiker auszubilden, dann hätte die SAP heute mehr Mitarbeiter in Deutschland.”

So also stellt der Chef des größten deutschen IT-Konzerns sich den Werdegang eines Software-Ingenieurs vor: ausgebildet von Merkel, Beck, Westerwelle und Claudia Roth.

Das würde zwar erklären, warum Programme buggy und teuer sind. Aber auf die Idee, dass es eher an den Unternehmen liegen könnte, kommt der oberste SAPler überhaupt nicht. Welcher Youngster fängt schließlich schon, wenn die IT-Industrie gerade Leute entlässt, ein Informatik-Studium an in der Hoffnung, dass Kagermann ein halbes Jahrzehnt später ja vielleicht wieder Programmierer brauchen kann?

Kagermann ist der Manager mit dem wahrscheinlich zweithöchsten Gehalt in Deutschland. Vielleicht meinte der Arbeitgeberpräsident ja das: Wer Indiskutables von sich gibt, über dessen Gehalt braucht man auch nicht zu diskutieren. – Wohl doch eher nicht.

Wieder spiegelt sich eine große Welle, die träge ausläuft, im Glas der Armbanduhr. Eigentlich ist die Informationsgesellschaft doch am schönsten an ihrem Rand.

Keine PR-Steganographie, keine wie auch immer dosierten Redakteure. Und der Internet-Zugang in der Bodega reicht aus, um den Wochenrückblick zu verschicken und um sich davon zu überzeugen, dass man kein wesentliches Ereignis verpasst hat oder eine kluge Erkenntnis, die ja rein theoretisch jemand hätte haben können.

“Eigentlich blöd, dass schon Mittwoch ist. Übermorgen fliegen wir schon wieder zurück.”

Zwei große Wellen laufen gemächlich am Strand aus, bevor sie antwortet: “Mhmh”. – Das heißt: Ja.

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