Pop-Stars 08

Enterprise

“Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten, die früh sich einst dem trüben Blick gezeigt. …Ihr drängt euch zu! Nun gut, so mögt ihr walten.”(Goethe: Faust, Zueignung)

Viel orakelt wird ja wieder dieser Tage: über das neue Jahr – was es denn so bringen könnte. Sowas ist immer schwierig, weil: Ereignisse, die in der Zukunft liegen, hat man halt einfach nicht im Griff.

Mit Sicherheit aber sagen kann man, welche Leute 2008 im Mittelpunkt stehen werden. Die einschlägigen eben, die die Google-Trefferlisten anführen und die Spalten von Deutschlands auflagenstärkster Tageszeitung füllen, Leute aus dem Pop-Geschäft wie Dieter Bohlen und Britney Spears.

Das bedeutet nicht, dass sich im Leben von diesen Leuten irgendwas ereignen müsste, was berichtenswert wäre. Pop-Stars haben, im Rampenlicht zu stehen. Das ist ihr Geschäft.

Und das gilt auch für diejenigen, die ihre Prominenz auf magereren Feldern als dem Show-Business nähren. Den Chef des Münchner ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung Professor Hans-Werner Sinn etwa bezeichnet die “Rheinpfalz” als “Pop-Ökonomen”.

Von ihm wird sicherlich auch 2008 wieder einiges zu hören sein. Egal, was kommt. Bislang jedenfalls war’s immer so, auch 2007. “Der dümmste Spruch des Jahres” stammt von ihm. So überschrieb er letzte Woche einen Gastbeitrag für die Süddeutsche Zeitung.

Dieser Spruch sei: “Jeder muss von seiner Hände Arbeit leben können.” Das sieht der Professor nicht so. Und deshalb ist er gegen Mindestlöhne.

Allerdings lebt Hans-Werner Sinn – auch wenn man das oft nicht meinen mag – im Deutschland des 21. und nicht im England des 18. Jahrhunderts. Er kann deshalb nicht so konsequent sein wie sein Kollege Thomas Robert Malthus (1766 – 1834), der glaubte, wenn die Löhne unter das Existenzminimum sinken, dann würden schon Hunger und Krankheit dafür sorgen, dass die Arbeit knapp und der Preis dafür wieder steigen würde.

Deshalb plädiert Sinn dafür, dass eben die Allgemeinheit einen Teil jener Löhne bezahlt, für den die Leute bei ihren Arbeitgebern werkeln. Er nennt das “Mindesteinkommen statt Mindestlohn”.

Nun ist das ja aber alles nicht sonderlich originell, dass Unternehmer jammern, weil sie keine ordentlichen Löhne bezahlen mögen – oder dass sie Professoren darüber jammern lassen. Und auch nicht, dass Subventionskritiker nach Subventionen rufen, um ihre schrägen Konzepte zu finanzieren.

Hans-Werner Sinn allerdings setzt noch eins drauf: “Das Jahr 2007 wird als Zeitenwende in die deutsche Geschichte eingehen, denn in diesem Jahr hat sich Deutschland von der sozialen Marktwirtschaft verabschiedet”, schreibt er – wegen des Mindestlohns für Briefträger. Sowas klingt doch echt dramatisch! So wenig würde es demnach kosten, die Wirtschaftsordnung auszuhebeln, die Sinn erklärter Maßen für die stabilste hält: 8,00 Euro die Stunde.

Und damit nicht genug: Mindestlöhne seien darüber hinaus “mittelbar verantwortlich für die gewalttätigen Ausschreitungen der letzten Jahre” in Frankreich. Denn die Youngsters dort hätten randaliert, anstatt für Löhne unter dem Existenzminimum zu schuften.

Und deshalb ist Professor Hans-Werner Sinn ein Pop-Ökonom. Über Löhne jammern kann ja jeder ‘Grattler’. Aber um auf sowas wie der ifo-Chef zu kommen, dafür bedarf es wohl wirklich eines akademisch ausgebildeten Geists, mehr noch: Es braucht einen VWL-Pop-Star, Hans-Werner Sinn halt.

Der IT-Pop-Star wiederum ist eindeutig Steve Jobs. Dessen Konzern warb noch vor einiger Zeit mit “Think different!” Was allein schon deshalb different, also anders als andere Reklame war, weil es sich dabei um einen Grammatikfehler handelte.

Anders zu sein, oder zumindest so tun, als sei man anders, ist wichtig für einen Pop-Star. Steve Jobs lässt sich denn auch nur ein Gehalt von einem Dollar auszahlen.

Trotzdem ist er – laut Forbes – der bestbezahlte Manager der USA. Er lässt sich halt Aktienoptionen und einen Jet geben, den er, wenn er nicht gerade selbst damit fliegt, wieder an Apple vermietet. Das ist anders!

Und so sind auch die Geräte, die Apple auf den Markt wirft. Die haben stets vier entscheidende Eigenschaften: ein “i” im Namen, sie sehen schick aus und sind nicht neu, aber teuer.

Steve Jobs wird auch im neuen Jahr wieder für Aufregung sorgen. Das ist sicher.

In der Politik gibt’s sogar einen veritablen Pop-Beauftragten: Sigmar Gabriel. Der nahm diese Aufgabe einmal für die SPD war. Jetzt ist er Bundesumweltminister und… der Pate vom Eisbären Knut!

Damit hat Gabriel gezeigt, was er in seiner früheren Position alles gelernt hat. Schließlich geht’s für Pop-Stars vor allem darum, sich selbst gut zu verkaufen und anzukommen.

Sigmar Gabriel ist ein sicherer Kandidat für gefällige Meldungen in diesem Jahr. Denn auch für die ars politica gilt: Kunst ist, was gefällt.

In der Union wiederum ist Volker Kauder der Mann mit dem untrüglichen Gespür dafür, was ankommt. Diesmal allerdings hat er wohl doch nicht ganz auszusprechen mögen, was er eigentlich sagen wollte. Geschlossene “Erziehungscamps” mit “therapeutischem Gesamtkonzept” für jugendliche Gewalttäter hat er statt dessen in jener Zeitung gefordert, die ansonsten viel über Dieter Bohlen schreibt. – Da möchte man doch ausrufen:

“Mensch, Kauder!
Warum reden Sie denn so verquast? Zirkusdirektor wollten Sie laut Ihrer Homepage einmal werden. Und: wie nennt man denn das, was ein Zirkus in einer Stadt aufschlägt? Etwa sein Camp mit therapeutischem Gesamtkonzept? Doch wohl nicht. Sondern? – Genau!”

Na ja, aber es steht ja zu befürchten, dass der Mann bald seine Sprache wiederfindet und sich dann getraut, so zu reden, wie die Leute, für die er seine Show abzieht, denken. Das ist beängstigend.

Vor einem aber braucht einem als Glossen-Schreiber auch heuer überhaupt nicht bange zu sein, dass einem die Themen ausgehen könnten. Davor bewahren Pop-Stars wie Hans-Werner Sinn, Steve Jobs und Volker Kauder.

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