HP arbeitet an der Befreiung des Internets

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Bei aller Dynamik, mit der sich das Internet seit seiner Erfindung entwickelt hat – den Sprung aus Computer- oder sonstigen Bildschirmen heraus hat es noch nicht geschafft. Zumindest nicht in freier Wildbahn.

Aber in den Labors von Hewlett-Packard (HP) wird bereits mit Hochdruck daran gearbeitet, das Internet zu befreien. “Ziel ist es, ein digitales Tuch über die reale Welt zu breiten”, sagt Phil Stenton vom Technology & Lifestyle Integration (TLI) Department bei den HP Labs in Bristol. “Das Web wird sich von etwas, auf das wir durch einen kleinen Bildschirm zugreifen zu einer Einrichtung entwickeln, die immer um uns ist.”

In Bristol arbeitet man bereits seit einigen Jahren gemeinsam mit Wissenschaftlern aus den Labors in USA und Japan an entsprechenden Anwendungen. Vorzeigearbeit ist das Projekt ‘Mobile Bristol’, das von HP gemeinsam mit der britischen Regierung ins Leben gerufen wurde. Dabei ging es um die Entwicklung einer ‘Pervasive Media Experience’ – also einer tiefgreifenden Media-Erfahrung – bei dem die physische mit der digitalen Welt je nach Anwendersituation verschmolzen wird.

Entstanden ist eine Art “Umgebungsweb”, das abgelaufen werden kann – eine vierte, digitale Dimension mit ‘Location Based Services’ (LBS) wie Bildern, Texten, Videos oder Geräuschen. Das auf Bristol zugeschnittene Geschichtsprojekt ‘Riot!’ gehört dazu oder auch das Bildungsprojekt ‘Savannah’. Für ‘Riot!’ wurde ein historischer Platz in der Innenstadt von Bristol vernetzt, so dass nun abhängig vom Standort des Besuchers unterschiedliche Hörspielsequenzen eingespielt werden, die einen Aufstand aus dem Jahr 1831 nachspielen.

Ähnlich funktioniert das Bildungsprojekt Savannah, bei dem Schüler das Leben in der Savanne nachempfinden und je nach Standort in die Rolle verschiedener Wildtiere schlüpfen können und verschiedene Herausforderungen bewältigen müssen.

Anwender, die sich auf derartigen digitalen Pfaden bewegen, benötigen einen Spezialkopfhörer – ausgerüstet mit GPS (Global Positioning System) und Schnittstelle zu einem mobilen Computer. Dahinter steckt das so genannte ‘Mobile Bristol Application Framework’, zu dem ein ‘Authoring Tool’ gehört. Damit kann die virtuelle Umgebung für eine Applikation festgelegt werden, außerdem wann und wie Signale via GPS an einen mobilen Client geschickt werden. Im Augenblick funktioniert die Technologie nur mit HPs mobilen PC iPaq, später soll sie auch auf dem Handy laufen.

Das Toolkit befindet sich derzeit in einer Test- und Experimentierphase und kann für den nicht-kommerziellen Einsatz heruntergeladen werden. HP will damit die Entwicklung neuer Applikationen anregen. Seit Dezember wurden nach Stentons Worten weltweit 600 Downloads registriert.

Kamera in der Sonnenbrille

Aus Alltagsproblemen eines Hobbyfotografen heraus ist dagegen das Projekt des HP-Forschers Phil Cheatle aus den Media Technology Labs entstanden. Er arbeitet mit seinem Team unter dem Namen ‘Casual Capture’ an einer tragbaren Kamera, die automatisiert für optimale Schnappschüsse sorgt. Der derzeitige Prototyp besteht aus einer Sonnenbrille, in deren Gestell eine Digitalkamera integriert wurde und die mit einem Pocket-PC verbunden ist.

Per Knopfdruck können Zeitintervalle festgelegt werden, in denen kleine Videosequenzen aufgezeichnet werden können, aus denen anschließend die besten Schnappschüsse ausgewählt werden. Damit der Nutzer dabei nicht in der Bilderflut erstickt, trifft eine integrierte Software eine Vorauswahl – basierend auf einem Algorithmus, der die Kopfbewegungen auswertet. So werden Momente ausgefiltert, die der Kameraträger besonders lange oder intensiv betrachtet hat und deswegen möglicherweise besonders interessant sind.

Indische Visionen

Mit ganz anderen Problemen beschäftigen sich derweil die HP Labs in Indien. Das Land liegt in Sachen Wachstumspotential nach aktuellen Studien inzwischen nur noch knapp hinter China und ist im Vergleich mit anderen Industrieregionen mit Abstand das jüngste Land. So wird im Jahr 2020 das Durchschnittsalter bei 29 Jahren liegen – bis dahin hat die Bevölkerung in China und den USA ein Alter von durchschnittlich 37 Jahren erreicht. Westeuropa und Japan sind mit 48 Jahren vergleichsweise weit abgeschlagen.

Doch Bildungsmöglichkeiten sind vor allem in ländlichen Gegenden noch immer problematisch, der Zugang zum Internet noch lange nicht selbstverständlich. Da dafür aber ein Fernsehgerät nahezu zum Standard eines jeden Haushalts gehört, arbeiten die Wissenschaftler dort an einer Verknüpfung von Fernseh- und Drucksignalen.

Herausgekommen ist eine Technologie namens ‘PrintCast’, bei der das Drucksignal in das Rundfunksignal eingebettet wird. Die Funktionalität kann in eine Set-Top-Box integriert werden, wodurch die gesendeten Dokumente über einen angebundenen Drucker ausgedruckt werden. Dies sei vor allem für Bildungssendungen eine sinnvolle Ergänzung, sagt Krishnan Ramanathan von den HP Laboratories India. Derzeit wird das Angebot auf den Fernsehkanälen der indischen Regierung getestet und daraus ein Standard entwickelt.

Ebenfalls einem spezifisch indischen Problem hat sich eine weitere Projektgruppe in den HP Labs angenommen. Dabei ging es um die Entwicklung einer Tastatur, die in der Lage ist, die Besonderheiten der verschiedenen indischen Sprachen darzustellen. Mit dem ‘Gesture Based Keyboard’ (GBK) werden beispielsweise die 36 Konsonanten des Hindi mit den 12 so genannten Matras – mit denen die Konsonanten modifiziert werden – verbunden. Da durch das Zusammenspiel der beiden Komponenten nahezu 1500 Buchstabenvariationen entstehen, ist eine herkömmliche Tastatur nicht geeignet, indische Sprachen dazustellen. Mit dem GBK werden die Matras mit Hilfe eines digitalen Stiftes eingegeben und ergänzen so die über die normale Tastatur eingegebenen Buchstaben.

Im Alltag werden sich zweifelsohne nicht alle neuen Technologien durchsetzen – doch bei HP ist man überzeugt, dass man erst einmal die Grundlagen schaffen muss, um Geschäftsmodellen die Möglichkeit zu geben, sich zu entfalten. Denn schließlich, sagt Phil Stenton, hätten auch die Brüder Lumiére die Bedeutung ihres Cinematographe zunächst nicht erkannt – überliefert ist ein Zitat von Louis Lumiére: “Der Cinematographe hat keinerlei Handelswert.” Der Regisseur Georges Méliès war es dann, der bewies, dass sich mit der Maschine – wenn man nur wusste wie – durchaus Geld verdienen ließ. Und das nicht zu knapp, wie wir heute wissen.