Cisco kreuzt mit Brocade die Klingen

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Vormarsch der Speichernetzwerke mischt die Branche auf

Cisco führt unangefochten im Wide Area Network (WAN), Brocade im LAN – eigentlich dürften sich die Hersteller unterschiedlicher Netzwerkkomponenten also nicht in die Quere kommen. Aber das laute Säbelrasseln der Top-Manager auf der gestrigen Technikkonferenz des Investmenthauses Salomon Smith Barney lässt andere Schlüsse zu. Denn mit der zunehmenden Verbreitung von Fibre-Channel-basierten (FC) Speichernetzen und spätestens seit dem Teilkauf von FC-Switch-Hersteller Andiamo will der Netzwerkgigant Cisco den SAN-Konzern frontal angreifen.

Mike Volpi, Senior Vice President bei Cisco, spricht deutliche Worte: “Wir wollen und werden im Markt für Storage Area Networks eine Rolle spielen.” Dazu sei das Unternehmen gezwungen, weil es in anderen Bereichen schon zu lange Marktführer sei.

“Der Markt für Netzwerk-Ausrüstung hat sich so ähnlich entwickelt wie der für Luftfahrtausrüstung. Auch dort gibt es inzwischen nur noch zwei Anbieter in den USA, und von denen ist einer in Regierungshand”, führte er an. Daher müsse Cisco nun auch neue Märkte erobern, in denen der Margenzuwachs einfacher zu erreichen sei.

Josh Krisher, Vice President für Storage und SAN-Spezialist beim Marktforschungsunternehmen Gartner Group, führte unlängst im silicon.de-Interview aus: “Es ist leichter, in einem neuen Markt jedes Jahr die Marktanteile zu verdoppeln, als in der Rolle des Marktführers auf die bereits gewonnenen 99 Prozent des Marktes noch den letzten Prozentpunkt draufzusetzen – das kostet viel zu viel Geld.” Ähnlich scheint auch Volpi zu denken.

Dabei ist der Konzern gerade im derzeit stark zurückgehenden WAN-Routermarkt Branchenprimus. So hat Gartner Dataquest für das zweite Quartal dieses Jahres einen Rückgang von sieben Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum bei den Routern für Service-Provider errechnet.

Diese speziell für WAN-Übertragung bei großen Bandbreiten geeigneten Geräte sind in der Lage, Daten im Gigabit-Bereich zu unterstützen und gelten als “Carrier-Class-Router”. Cisco führe das Feld mit satten 60 Prozent Marktanteil an, sagen die Analysten. Allein im beobachteten Quartal habe der Konzern mit 1862 Einzelprodukten doppelt so viele Geräte ausgeliefert wie Verfolger Juniper.

Industrieanalyst Zeus Kerravala vom Marktforschungs-Unternehmen Yankee Group weist allerdings darauf hin, dass “Cisco durchaus nicht in allen angebotenen Produktkategorien den Spitzenplatz” besetze. Der Hersteller habe sich zwar auch durch das Andiamo-Engagement einen Namen als Unternehmen gemacht, “das so ziemlich alles im Regal hat”.

Allerdings sei der Ruf von Cisco im klassischen Netzwerkbereich ein Pfund, mit dem Cisco weiterhin wuchern solle, statt sich in Start-up-Zukäufe zu verrennen. “Ein Cisco-Netzwerk, das ist wie mit Intel im Chipbereich – mittlerweile achtet jeder Endkunde darauf, welcher Prozessor in seinem PC ist”, so Kerravala.

Volpi schlug gestern diese Warnungen in den Wind: “Auf lange Sicht wird im gesamten Networking-Umfeld das größte Unternehmen mit den meisten Dollars in den Taschen und der größten Produktzahl gewinnen; und die beste Art, Router zu verkaufen ist es immer noch, mehr Router zu verkaufen.”

Diese Tirade lässt aber einen weiteren Redner der New Yorker Konferenz relativ kalt: Greg Reyes, CEO von Brocade. Im Gegensatz zur Brocade-Aussage anlässlich der Ankündigung von Cisco, im SAN-Makt mitspielen zu wollen, sind die Töne aber ernsthafter geworden. Der neue Gegner wird zumindest beobachtet: “Ich vertraue auf unsere Fähigkeit, gegen Cisco bestehen zu können.”

Brocade sei schließlich immer noch die sichere Alternative. Reyes wies darauf hin, dass derzeit 10 000 Kunden auf die FC-Switches der Kalifornier vertrauten. Die aktuelle breite Markteinführung des neuen Flaggschiff-Produktes Silkworm 12 000 mit 32 Ports trägt sicher zu seinem Selbstbewusstsein bei. Allerdings verfügt Cisco über ein ähnlich breit gefächertes Feld an OEM-Partnern und konnte sich in der Vergangenheit zum Beispiel 30 mal so hohe Verkaufszahlen wie Brocade in die Bücher schreiben.

Aber als Chef der “Ersten” im Markt kann sich der smarte Brocade-CEO einen Seitenhieb auf den Neuankömmling nicht verkneifen. Er stellt klar: “Cisco hat Fibre Channel für sich entdeckt – schön. Cisco hat auch festgestellt, dass das ein großer Wachstumsmarkt ist – na und? Wir haben Fibre Channel erfunden!”

silicon meint: Als einziges Unternehmen der IT-Branche, das noch keine wesentlichen Einbussen zu verzeichnen hat, leidet Cisco vielleicht unter Größenwahn. Aber auch wenn das Engagement im Speicherumfeld ernst gemeint ist: Wer gewinnt, entscheiden immer noch die Kunden. Und bei denen geht es im Moment nicht nach großen Namen, sondern nach kleinen Preisen.