Rekordverlust: Telekom-Doktor Sihler erliegt dem Schuldenfieber

EnterpriseMobile

Der Tanker sitzt in der Sackgasse fest

Schon zwei Tage vor der offiziellen Präsentation der Halbjahreszahlen sind Details aus den Büchern der Deutschen Telekom an die Öffentlichkeit gelangt. Demnach sieht es für Interimschef Horst Sihler nicht berauschend aus: Der rosa Riese hat zwischen Januar und Juni mehr Verluste eingefahren als im Gesamtjahr 2001.

Berichten von Spiegel und Focus zufolge belaufen sich die Verluste auf mehr als 3,5 Milliarden Euro. Ursache seien die Abschreibungen auf die US-Mobilfunktochter Voicestream. Außerdem schlägt sich der Verkauf der France-Télécom-Beteiligungen nieder: Gekauft für 1 Milliarde Euro, verkauft für nur noch 300 Millionen. Damit dürfte die Deutsche Telekom auch im Gesamtjahr 2002 den höchsten Verlust ihrer Firmengeschichte erleiden.

Das Geschäft hat sich dennoch insgesamt positiv entwickelt, wird der Telekom-Vorstand am Mittwoch dagegen halten: Denn das zweite Quartal weist im Vergleich zum Vorjahr ein Umsatz-Plus von gut 14 Prozent auf 13 Milliarden Euro aus. Ausschlaggebend dafür ist der Beitrag der Mobilfunksparte T-Mobile.

Außerdem reklamieren die Bonner einen eisernen Spar- und Reformwillen für sich: T-Com, die Festnetzsparte, wird weniger investieren und in den kommenden zwei Jahren 20 000 Stellen streichen. Bei der Werbung soll jährlich 1 Milliarde Euro weniger ausgegeben werden. Sihler hält bisher an dem Ziel fest, bis Ende kommenden Jahres den Schuldenstand von 67 auf unter 50 Milliarden Euro zu senken.

Über das Wochenende verhärteten sich die Hinweise darauf, dass Sihler nicht nur Ausgaben kürzen will, um den Schuldenberg langsam abzutragen. In Interviews bekräftigte er, dass auch die generelle Strategie des Bonner Konzerns “auf dem Prüfstand” stehe.

Im Zuge dessen stellt Sihler auch die Telekom-Linie in Frage, nach der Mobilfunk- und Festnetzgeschäft im Ausland stets Hand in Hand gehen sollten. Somit ist ein Einstieg in die Festnetztelefonie in den USA und Österreich offenbar abgeblasen.

Die Telekom kämpft mit großen Verdauungsproblemen auch bei den osteuropäischen Beteiligungen: Minderheitsanteile hält sie an der polnischen PTC, an der ungarischen Matav, an der tschechischen Radiomobil und der slowenischen Slovenske Telekommunikacie. Eine Weiterentwicklung des Geschäfts ist hier wie auch bei der Mehrheitsbeteiligung Hrvatski Telekom in Kroatien nicht abzusehen.

Über eine Kooperation von Voicestream mit AT&T oder Cingular oder einen vollständigen Verkauf wird bereits seit längerem spekuliert. Analysten raten Sihler zu einem solch radikalen Schritt, um das Vertrauen der Anleger wieder zu gewinnen. Außerdem sei Voicestream auf dem heftig umkämpften US-Markt zu klein, um in absehbarer Zeit Profit abzuwerfen, meinen Beobachter.

Silicon meint: Sehr überzeugend sieht die Sihler-Show vier Wochen nach Ron Sommers Abtritt nicht aus. Da wird an zu vielen Wehwehchen herumgedoktert, während die Suche nach einem geeigneten Sommer-Nachfolger vor sich hindümpelt. Nur damit wäre jetzt Vertrauen zu gewinnen. Immerhin: Sihler verspricht nicht gleich die Halbierung der Schulden …