Regulierer schiebt Ortsnetz auf die lange Bank

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Schwierigkeiten? Technisch oder doch eher mental?

Auf den letzten Drücker hat die Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post (RegTP) die geplante Einführung von Call-by-Call in den bundesdeutschen Ortsnetzen doch noch einmal um drei Monate verschoben. Nach der Entscheidung des Bundesrates im Spätsommer sollten die Betreiber von Stadtnetzen eigentlich ab dem 1. Dezember dazu verpflichtet werden, ihren Konkurrenten den Zugang zum Endkunden zu ermöglichen, ohne dass sie dafür die Leitung komplett übernehmen müssen.

Offiziell heißt es, die “Verpflichtung zur Einführung der Betreibervorauswahl bei Ortsgesprächen” sei “bis zum 28. Februar 2003 ausgesetzt”. Bis dahin will die Bonner Aufsichtsbehörde ein Anhörungsverfahren über die Bühne gebracht haben: Mit den Betreibern der Netze, also Deutsche Telekom, Hansenet, Isis oder Netcologne, sowie mit den möglicherweise interessierten Anbietern wie 01051-Telecom, Arcor oder MCI Worldcom.

Der Beobachter fragt sich nun, warum sich die RegTP erst am letzten Arbeitstag im November zu einer solchen Verschiebung aufraffen kann – oder aber warum noch vor wenigen Monaten der Termin 1. Dezember überhaupt festgelegt wurde.

Hintergrund ist die Auflage der Europäischen Union, auch die Ortsnetze für den freien Wettbewerb zu öffnen – und zwar bis spätestens zum Ende des Jahres. Während die Bundesrepublik wegen ihrer schnellen und umfangreichen Öffnung des Ferngesprächs-Markts international beachtet wird, hat sich in den vergangenen vier Jahren im Ortsnetz nur wenig getan.

Eigentlich sei die Ursache dieser Verschleppung also bei der Bundesregierung zu suchen, meint Ingo Schiweck, Sprecher des Branchenverband VATM. Denn die Politik hätte die notwendigen Beschlüsse viel früher festklopfen können.

Bei der Regulierungsbehörde kämpfen die Zuständigen jetzt allerdings mit den Interessen der Beteiligten. Behördensprecher Rudolf Boll hat zumindest technische Schwierigkeiten ausgemacht, die eine Umsetzung der Call-by-Call-Öffnung zum Dezember verhindert hätten. “Wir wissen ja auch noch gar nicht, was die Beteiligten wollen”, so Boll. Mitte Dezember sollen die Anhörungstermine fest stehen.

Zwar haben einzelne TK-Dienstleister schon ihr Interesse angemeldet, Ortsnetzverbindungen anzubieten. Allerdings ist immer noch unklar, zu welchen Konditionen das möglich sein soll. Der Anbieter 01051 beispielsweise hat schon seit längerem günstige Tarife für Ortsgespräche im Programm, die allerdings über eine 0190-Vorwahl laufen. Weil der Nutzer zusätzlich auch die eigene Vorwahl angeben muss und das Verfahren eher umständlich ist, bleibt der Markt dafür wohl begrenzt.

Branchenbeobachter halten es trotz dieser im Ansatz positiven Erfahrungen für möglich, dass sich am Ende gar kein Anbieter findet, der die geöffneten Ortsnetze tatsächlich nutzt. Hinderlich sind aber auch die inzwischen stark zusammengeschrumpften Margen und die unsichere Situation der Inkasso-Verpflichtung der Telekom. Der T-Konzern hat sich vor Gericht gerade erst erfolgreich gegen die Auflage gewehrt, auch für Internet-by-Call-Anbieter die Gebühren von seinen Kunden einzutreiben.

Einstweilen ist der Rosa Riese bemüht, nicht den Schwarzen Peter zugeschoben zu bekommen. “Wir sind nicht Herr des Verfahrens”, macht Telekom-Sprecher Frank Domagala klar und weist damit Vorwürfe zurück, die Telekom – als größter Betreiber von Ortsnetzen – verzögere die Öffnung und schiebe technische Schwierigkeiten nur als Vorwand vor. “Das ist eine vielschichtige Fragestellung”, über die man erst intensiv reden müsse.

silicon meint: Na dann redet halt miteinander! Es ist manchmal schon zum Haare raufen, wie sich Politik, Verwaltung und Unternehmen in Selbstbespiegelung gefallen. Eine Empfehlung für den Wirtschaftsstandort Deutschland ist das wirklich nicht. Sondern nur peinlich.