Lucent ‘gibt alles’ für Glasfasern

EnterpriseMobile

Durchhalteparolen des schwer amputierten Unternehmens

Der TK-Konzern Lucent Technologies hat nach einem Blick auf die jüngsten Quartalszahlen nicht nur, wie so viele Unternehmen aus der Branche, Massenentlassungen vorgenommen. Auch eine völlig neue Produktstrategie soll helfen, das personell abgespeckte Unternehmen auch von der Kostenstruktur her zu verschlanken. Dafür hat CEO Patricia Russo auch eine neue Produktstrategie angekündigt.

Matthias Nass, Director Technology Competence Center EMEA, war gerade zu Management-Gesprächen in der US-Zentrale. Er erläuterte im Gespräch mit silicon.de, wie sich die neue Streichliste auf Deutschland und Europa auswirken könnte. “Alles nicht so schlimm, wie es klingt”, lautet sein Fazit.

Demnach drehe Lucent sehr wohl weiter an der Kostenschraube; richtig sei auch, dass die Sektoren Forschung und Entwicklung, Produkte und Arbeitsplätze die Leidtragenden der Sparmaßnahmen seien. Allerdings, so der Manager, sei das Gröbste fast schon überstanden. So macht er sich beispielsweise um die Liquidität keine

Sorgen: “Mit derzeit 4,4 Milliarden Dollar auf der Bank ist diese Frage für uns kein Thema.”

Trotz dieses finanziellen Polsters wird das Unternehmen in den kommenden Monaten einschneidende Veränderungen verdauen müssen: Auf die Produktpalette der Firma gerechnet sollen fünf Prozent der Erzeugnisse gekappt werden. “Außerdem planen wir nicht mehr so weit in die Zukunft hinein wie bisher, sondern nur noch für einen Zwölf-Monats-Zeitraum”, so Nass.

Das bedeute kleinere Forschungsteams, weniger Produkte und eine weiter drohende Stellenkürzung. “Allerdings wird der Abbau von Arbeitsplätzen nicht mehr so galoppieren wie bislang”, wiegelt Nass ab und plaudert über den neuen Fokus der ehemaligen Bell-Tochter.

Dieser liege ganz klar auf den Glasfaserprodukten und Dienstleistungen rund um die optische Übertragungstechnik. “Hier gibt es tatsächlich noch visionäre Produkte, die aus unseren Labors

kommen”, schwärmt Nass. Vor allem am Standort Nürnberg, der Deutschland-Zentrale von Lucent und gleichzeitig dem konzernweiten Forschungs- und Kompetenzzentrum für die Glasfaser-Produktreihe Lambda, seien nur marginale Einschnitte zu befürchten. “Durch die Investitionen im vergangenen Jahr kommen aus unseren Nürnberger Labors eigentlich nur Produkte, die Weltspitze sind”, begründet der Director.

Der optische Bereich werde beispielsweise ganz nach Nürnberg verlegt und nur ein Rumpf aus Vertrieb und Support verbleibe am zweiten europäischen Glasfaser-Forschungsstandort in den Niederlanden. Nürnberg verfüge damit weiterhin “abgesehen von der ein oder anderen gekürzten Stelle” über den zweitgrößten Lucent-Entwicklungsstandort außerhalb der USA.

Bereits umgesetzt würden hingegen interne Zusammenlegungen von einzelnen Forschungsteams. Zusammengelegte Teams könnten durchaus noch einmal “gestrafft” werden, wie er sich ausdrückt. Die etwa 700 Entwickler haben also noch immer eine Zitterpartie vor sich. “Das verkürzt aber auch Planung und Entwicklung beträchtlich”, rechtfertigt er die Team-Straffung.

Auf der Kundenseite wirke sich dies aber nicht aus. “Die Anbieter und Carrier spüren großen Druck, ihr Netzwerkmanagement zu renovieren”, preist er die multi-vendor-fähige Lösung von Lucent als geradezu hellsichtige Investition. “Ein stabiles Netzwerk-Management-System kann hier die kommenden Jahre reibungsloser machen – das wissen die Kunden”, so Nass. Die Deutsche Telekom habe beispielweise Interesse angemeldet und die Gespräche mit Großkunden in spe liefen “erfolgversprechend”.

Angesprochen auf die Gerüchte, die Softswitch-Reihen würden eingestellt, weist Nass vieles von sich: “Von einer Einstellung kann keine Rede sein, lediglich kleine Veränderungen treffen ausschließlich den US-Markt.” Er muss aber zugeben, dass die Kunden nicht so umbauwillig seien, wie sich der Hersteller erhofft hatte. “Die alten Voice-Circuit-Switches erweisen sich oft als stabil und die Kunden sind in der derzeitigen Marktlage schwer vom Kauf einer kombinierten Voice-Data-Anlage zu überzeugen”, bedauerte er.

Allerdings beträfen die sieben europäischen Regionen die Kürzungen nicht, die im Unternehmensbereich für die Serviceplattform, die paket- und sprachorientierte Vermittlung verbindet. Sogar vier Feldversuche und “aussichtsreiche Verhandlungen” liefen in den Regionen: Frankreich, Großbritannien, Deutschland, Spanien, Italien, Nordische Staaten und Osteuropa.

Ein Gerücht sei auch, dass sich Lucent aus dem DSL-Bereich zurückziehen werde, so Nass. “Ich habe bei meinem Aufenthalt in den USA sogar die Budgets gesehen, die für den breitbandigen Zugang über DSL verplant sind”, so Nass. Wie hoch diese sind, sagte er nicht.

Richtig sei allerdings, dass die Produktreihe aus dem ATM-Umfeld, TMX 880, zur Disposition stehe. Bei dem Direktor klingt das so: “Wir halten ein Produkt-Review ab und orientieren uns am Marktumfeld und auch an der Tatsache, dass in Fachkreisen und bei den Kunden der Sinn oder Unsinn von reinen ATM-Systemen rege diskutiert wird.” Denkbar sei aber für den gesamten ATM-Bereich eine Aufrüstung für MPLS-Fähigkeit. Produkte und Einwahlknoten, so betonte er, blieben aber bestehen. Das teure UMTS-Engagement werde ebenfalls weder zurückgefahren noch gestrichen.

Silicon meint: Lucent wird also weitermachen mit der Selbstamputation. Schade um die Fachkompetenz, die das Haus verlässt. Bis zur Markterholung freut sich die ebenfalls angeschlagene Konkurrenz über jede gestrichene Stelle, jedes eingestellte Produkt bei Lucent. Gilt derartiges Sparen doch mittlerweile wieder mehr und mehr als Zeichen der Schwäche.