US-Glasfasermarkt grüßt mit neuen Produkten und Großaufträgen

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Hoffentlich nicht letztes Zucken einer toten Katze

Unternehmen der Glasfaserbranche bekommen kurz vor dem Herbst noch Frühlingsgefühle. Grund dafür sind die Nachrichten von der US-Branchenmesse National Fiber-Optic Engineers Conference (NFOEC), bei der 29 Unternehmen ihre neuen Produkte und Lösungen vorstellen. So hat der Dauer-Restrukturierer Marconi mit einem neuen Switch gleich einen Großkunden angelockt. Nortel, deren Aktie seit Monaten um einen Euro schwankt, hat seinen Widerstand gegen Gigabit-Ethernet aufgegeben und kann ebenfalls Neukunden vorweisen.

Der britische TK- und Netzwerkausrüster Marconi meldete auf der Konferenzeröffnung im texanischen Dallas, dass die US-Regierung der erste Kunde für einen neuen Packet-Switch mit der Bezeichnung BXR-48 000 sei. Michael Howard, Principal Analyst bei Infonetics Research, war begeistert: “Es ist schön zu sehen, dass dieses Unternehmen nach diesen ewigen Restrukturierungen wieder neue Produkte zeigt.”

Unternehmensnahe Quellen sprachen auf der Konferenz gar davon, dass der US-Staatsanteil an der Firma attraktiver würde durch die Produktankündigung, die neuen Aufträge und auch durch den radikalen Finanzierungsplan, der letzte Woche vorgestellt worden war. So habe vor allem das US-Management nach dem Umbau freiere Hand und könne seine “exzellenten Verhandlungsqualitäten” in künftigen Verhandlungen einbringen, zitieren Branchenmedien in den USA die anonyme Quelle.

Sollte diese Andeutung zutreffen, so steht womöglich ein Verkauf der Firmenanteile an, die die US-Regierung an Marconi hält. Das dürfte Geld in die Kassen des Unternehmens spülen, das sich wie so viele ehemalige Industrieunternehmen im E-Business-Dschungel verlaufen hat. Ein Freiwerden regierungseigener Anteile an einem TK-Unternehmen könnte wiederum den Markt anschieben, das sehen auch Branchenkreise in Europa.

Allerdings sei das Produkt, das jetzt an das US-Verteidigungsministerium geliefert werden soll, noch nicht lieferbar und werde erst “im Laufe des Jahres” marktreif sein, dämpfen die Marconi-Manager die aufkommende gute Laune. Abgesehen davon, handelt es sich lediglich um einen einmaligen Verkauf einer nicht näher bestimmten Anzahl der BXR-48 000-Switches – eine langfristige Vereinbarung kündigte das Unternehmen nicht an.

Auch Leidensgenosse Nortel mit Sitz in Toronto kann den Goldenen Gral für den optischen Fasermarkt nicht vorweisen. Allerdings haben sich mit dem schweizerischen Carrier Sunrise und den beiden regionalen Abteilungen der China Telecom, Telecom Hunan und Telecom Shaoxing, bereits drei international tätige Firmen für ein neu ausgestattetes Nortel-Produkt entschieden. Und für das Unternehmen selbst bricht mit der bereits bekannten Produktfamilie Optera Connect DX eine neue Ära an.

Die Kanadier wollen sich nicht mehr länger gegen den Gigabit-Ethernet-Standard sperren. Entsprechende Features und technische Erweiterungen bei den Switches sollen Carriern und Providern ermöglichen, ihren Kunden 2-Gigabit-Ethernet-Dienste anzubieten. Dies allerdings in der Langstrecke über die altbekannten Übertragungstechniken Sonet (für die USA) und das europäische Pendant SDH (Synchrone Digitale Hierarchie).

Bislang sollen nach Angaben von Brian McFadden, President der Abteilung für optische Netze bei Nortel, bereits 6000 der Geräte ausgeliefert sein. Bei einem Stückpreis von 60 000 bis 300 000 Dollar richten sie sich vor allem an Service-Provider, die bereits bestehende Metropolitan Area Networks mit Ethernet-Angeboten bestücken wollen. “Bei weitem das größte Interesse kommt aus China, Indien und Japan”, so der Nortel-President.

Mark Lutkowitz, Vice President of Optical Networking Research bei dem US-Marktforschungsunternehmen CIR, zeigt deshalb gemischte Gefühle: “Nortel weiß jetzt wohl auch, dass man heute Ethernet beherrschen muss, um dabei zu bleiben – aber dies hier ist kein reines Ethernet, sondern Ethernet über Sonet.” Damit dürfte er auch enttäuscht sein, dass Nortels lange Vorlaufzeit und die oft wiederholten Ankündigungen, die Optera-Boxen endlich mit Ethernet auszustatten, genau genommen nur halb erfüllt sind. Schließlich ist Ethernet eine für IP prädestinierte Technik.

silicon meint: Als Patricia Russo, CEO von Glasfaserkonzern Lucent, vor einigen Monaten einmal zu vergleichsweise positiven Nachrichten im TK-Sektor befragt wurde, sagte sie nur: “Das ist das letzte Zucken einer toten Katze!” Dieses Zitat im Ohr, erscheint aus der Ferne die Aktivität der Konferenz-Aussteller und -Sprecher etwas zu hektisch. Vielleicht ließen sich mit einer weniger schnellen Nachrichtenschleuder und leiseren Tönen, aber dafür reiferen Produkten so manche Kunden überzeugen – mit erfreulichen Auswirkungen auf den TK-Globus!