Netzwerkspeicher machen sich für den Mittelstand schön

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Krisengeplagte Storage-Hersteller wittern einen neuen Markt und schauen endlich auf die Bedürfnisse kleinerer Kunden

Angebot und Nachfrage bestimmen den Markt. Man möchte meinen, dass es immer die Nachfrage ist, die Angebote entstehen lässt. Betrachtet man allerdings die Aktivitäten der Storage-Hersteller in den letzten sechs Monaten, könnte man Zweifel bekommen. Zu stark drängt sich der Eindruck auf, dass hier versucht wird, mit aller Macht einen neuen Markt aus dem Boden zu stampfen. Der Mittelstand soll’s mal wieder richten. In Zeiten knapper Kassen entdecken auch die Storage-Hersteller plötzlich den Midrange-Markt. Malte Rademacher, Regional Marketing Manager bei EMC, ist ehrlich: “Wir hatten bislang keine Produkte in diesem Segment und sehen jetzt eine Chance, dort zu wachsen.”

Doch der Schein trügt: Der anfänglich aus rein egoistischen Motiven vieler Hersteller herbeigewünschte Markt kristallisiert sich immer stärker als ein Markt heraus, der vermutlich schon lange existiert hat und seitens der Hersteller geflissentlich ignoriert wurde. Kleine und mittelständische Unternehmen (KMUs) haben schon längst die Bedeutung der Informationstechnologie für ihre Geschäftsprozesse erkannt. Und sie belohnen das auf sie zugeschnittene Angebot mit steigenden Umsätzen.

Skalierbar oder schlüsselfertig? – am besten beides

Es vergeht also fast keine Woche, in der Hard- und Software-Anbieter nicht mit einer neuen Mittelstandslösung winken. Die ehemals erfolgsverwöhnten Speicherhersteller gewöhnen sich indes an den Gedanken, nicht millionenschwere Verträge abzuschließen, sondern auf den anvisierten Markt zugeschnittene Lösungen oder günstige Hardware anzubieten.

Konsolidierung heißt unter anderem das Zauberwort. Nicht mehr nur große Unternehmen zentralisieren ihre Ressourcen, auch Firmen mit kleinen Infrastrukturen wollen auf die Vorteile einer effektiven Speicherverwaltung nicht mehr verzichten. Direct-Attached-Storage ist fast schon “out”, doch Networked-Storage, allen voran Storage Area Networks (SAN) und Network Attached Storage (NAS) ist “in” und zudem auf lange Sicht auch für sie kostengünstig, wie IDC zuletzt in einer Studie ermittelt hat.

Das neue Sortiment muss Kriterien wie “skalierbar” oder “modular” erfüllen. Viele Hersteller nennen ihre Lösungen dementsprechend dann “Einsteigermodelle”, weil sie so ausgelegt sind, dass der Administrator weitere Geräte ohne viel Aufwand hinzufügen kann. “Die Skalierbarkeit ist ein ganz wichtiger Faktor”, erklärt auch Richard Hermann von IBM SSG Networking Storage Sales.

Oder die Midrange-Lösungen sind fest konfiguriert und sozusagen “schlüsselfertig”. “Mittelstandskunden können sich oft keine große eigene IT-Abteilung leisten und sind deshalb auf Komplettlösungen angewiesen,” weiß der IBM-Mann zu berichten.

“Ich kann es mir nicht leisten”, gilt nicht

Wie aber gehen die Hersteller an den Markt heran? Die Bedürfnisse von Großunternehmen im Vergleich zu Mittelstands-Kunden sind ja eigentlich grundverschieden. “Abgespeckte Versionen großer Systeme anzubieten reicht da nicht aus”, gibt Hermann zu bedenken. Andererseits weiß EMC-Mann Rademacher: “Viele Funktionen, die Highend-Produkte schon länger können, lassen sich jetzt auch für kleinere Storage-Umgebungen realisieren.” Gemeint sind hier beispielsweise Mirroring-Features oder Snapshot-Funktionen.

Manchmal reicht es aber auch, eine andere Speichertechnologie zu verwenden. So hat EMC seine Midrange-Lösung Clariion im März diesen Jahres alternativ mit ATA-Modulen bestückt, weil diese wesentlich günstiger sind als Fibre-Channel-Module. Die Konkurrenz besteht indes weniger auf FC-Technologie an sich als darauf, dass ATA-Platten als günstige Disk-Alternative zu den Speicherbändern gesehen werden. Letztere sind zwar noch günstiger, können aber auch weniger und sind immer offline.

Anwender mit kleinen Speicherumgebungen mussten also in der Vergangenheit vielen Funktionen entsagen, die es nur in Highend-Lösungen gab. ” ‘Ich kann es mir nicht leisten’, ist heute fast schon kein Argument mehr”, stellt Rademacher fest.

Unterschiede wird es immer geben

Zwei wesentliche Faktoren trennen Lösungen für Mittelstandskunden noch von solchen für Großkunden: Kapazität und Verfügbarkeit. Das aber hat auch einen realistischen Grund: Kleinere Firmen brauchen nicht Speicherressourcen im Peta-Bereich, womit manche Anbieter schon werben. Dort reichen Kapazitäten auf der Gigabyte oder einstelligen Terabyte-Skala völlig aus. Außerdem kommt hier wieder die Skalierbarkeit ins Spiel. Die meisten Lösungen sind erweiterbar.

Beim Thema Verfügbarkeit sind die Unterschiede deutlicher. RAID-Systeme können, je nach gewähltem RAID-Level, extrem teuer sein. Dennoch lässt sich eine einfache Spiegelung mit RAID-1 erreichen und in den meisten Fällen reicht die Absicherung aus. Abgesehen davon kann die Sicherheit immer noch mit dem Backup auf Tapes gewährleistet werden.

Wer bietet was?

Und so tummelt sich inzwischen eine ganze Reihe von Herstellern auf dem Mittelstandsmarkt. Sun bietet sowohl fest konfigurierte Speicherlösungen wie StorEdge 6320 an, als auch modular aufgesetzte Produkte wie das Storage Array 6120.

Hewlett-Packard (HP) erweitert in regelmäßigen Abständen sein Enterprise Virtual Array (EVA) und ist inzwischen bei EVA-3000 angelangt. HP hat großen Wert auf die Virtualisierung gelegt – eine Funktion, die es ehemals auch nur bei den ‘Großen’ gab und jetzt ebenso für Midrange-Infrastrukturen zu haben ist.

IBM hat Anfang April das Plattenspeichersystem FastT600 vorgestellt. Big Blue hat dabei den Begriff “Autonomic Computing” eingeführt, ein Konzept, mit der sich das Gerät selbst verwaltet und im Fehlerfall repariert. Die Automatisierung passt wiederum zur Mittelstandsdefinition des Herstellers.

Und auch die “Speicherzulieferer” wie Switch-Hersteller Brocade oder McData wollen ein Stück vom Mittelstandskuchen. Brocade hat erst kürzlich angekündigt, die Preise für seine Hardware zu senken. McData hatte dies schon im vergangenen Jahr getan und so ist der Preiskampf auch auf dem Gebiet eröffnet.

Money, Money, Money

Überhaupt ist der Preis, sind Anschaffungs- und Wartungskosten ein zusätzliches Alleinstellungsmerkmal für jeden Anbieter. “Wenn das der Weg ist zurück zu den Marktanteilen, dann gehen wir eben diesen”, hatte Brocades CFO Tony Canova in einem Interview die Roadmap beschrieben. McData hatte genau aus diesem Grund seinen Rivalen vom Kuchenteller geschubst.

Cisco-Chef John Chambers will eine 150 Millionen Dollar schwere Marekting-Kampagne über dem Mittelstand ausschütten in dem festen Glauben, dass die lahmende IT-Branche nur mit dem KMU-Markt wieder flott gemacht werden könne. “Kleine Unternehmen werden in den kommenden Jahren der Motor für den Aufschwung sein “, prophezeit der Netzwerker-Boss zumindest für den amerikanischen Handel. Und bekanntlich schwappt fast alles US-gefärbte irgendwann auch nach Deutschland und Europa.

Wäre ja in Ordnung. Die “Netzwerk-Neulinge” dürften sich allerdings bloß nicht blind auf den heran rauschenden Marketing-Monsun verlassen. Vieles, was dem Mittelstand angeboten wird, mag gut sein, einiges ist aber sicherlich nicht unbedingt überlebenswichtig fürs kleine Unternehmensnetz. Den Erfindungsreichtum und den Strategien der Hersteller in Ehren, doch letztlich bestimmt Nachfrage das Angebot.