Gigabit-Trend schubst LANs auf die Weitstrecke

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Flinke TK-Träume über schlanke Strukturen

Trotz bewährter Ethernettechnik im LAN und über kurze Strecken stoßen Unternehmen oft verbindungstechnisch schnell an ihre Grenzen. Vor allem dann, wenn sie ein ganzes Filialnetz anschließen müssen, das allein von der Entfernung her nicht mehr über das LAN zu bedienen ist. Besonders der Datenaustausch in Echtzeit über VPNs, aber auch unternehmenskritische und technisch anspruchsvolle Anwendungen wie Videokonferenzen und Voice over IP, stellen die Technik vor immer neue Herausforderungen.

Abhilfe versprechen da Ethernet-Backbones in Metropolitan Area Networks. Hochleistungs-Switches sollen sogar für die Verbindung ins Weitverkehrsnetz (WAN) sorgen, versprechen die Anbieter. “Dafür wird zunächst das LAN umgebaut, dann folgt die Umschaltung auf das WAN”, erklärte Rainer Ernst, Technikleiter bei dem TK-Unternehmen Completel aus Haar. Von Gegenargumenten, die neue Technik sei unausgereift oder gar überflüssig, da bisherige Übertragungsstandards erprobt und bewährt seien, lässt er sich nicht beeindrucken.

“Diese durchgängige Ethernet-Lösung ist beispielsweise für ein Anwenderunternehmen mit vielen Niederlassungen wie Siemens geradezu prädestiniert”, skizziert Ernst. So müssten hier zunächst lokale Einheiten verknüpft werden, dann örtliche, dann die einer ganzen Stadt oder Region, bis hin zur Anbindung beispielsweise der chinesischen Geschäftsstellen an die Zentrale im Münchner Stadtteil Neuperlach, so der Manager. Er räumte allerdings ein, dass dies nur mit Partnern realisierbar sei.

Unis als Versuchskaninchen

Der Netzwerkkonzern Cisco bleibt bei seinen eigenen Anwendungen vergleichsweise auf dem Boden. “Nur in Metropolitan Area Networks (MANs) und in verknüpften Internet-Arbeitseinheiten, so genannten Multi-Webbing-Units, also an Instituten und Universitäten mit überschaubaren räumlichen Distanzen läuft so etwas heute schon im Alltagsgebrauch stabil”, so Carsten Queisser, Unternehmenssprecher der deutschen Geschäftsstelle.

Allerdings seien auch die einzelnen interessierten Institute für das Produktangebot “Ethernet to Everywhere” erst noch Testkunden. “Referenzen haben wir derzeit nur in Italien”, so Queisser. Dort seien allerdings bereits “über 1000 Nutzer” an das schnelle Netz angebunden. Die Wissenschafts- und Forschungsgemeinschaft Fast habe “inzwischen fast alle Mitgliedsinstitute” an das Netz angeschlossen und arbeite täglich darauf.

Zauberwort MPLS verhext die Techniker

Dabei sei vor allem die verwendete MPLS-Technik von Vorteil. “Hierbei fallen bei der Übertragung alle wasserköpfigen Layer weg – was übrig bleibt, ist reine Geschwindigkeit”, schwärmt er. Mit Multi Protocol Label Switching, wie das Akronym ausgeschrieben heißt, lassen sich verschiedene Protokolle nebeneinander einsetzen. IP, ATM, Sonet und Frame-Relay können so nahtlos zusammenarbeiten.

Das bestätigt auch Rainer Ernst. “Erst MPLS macht überregionales Ethernet wirklich möglich”, sagte er. Die Netzwerktechnik erlaube die nahtlose Verbindung von regionalen Ethernet-Backbones mit den IP-Strecken der Weitverkehrsnetze. So entstehe eine physikalisch uneinheitliche, aber rundum intern kompatible Netzstruktur, die Ethernet in das Wide Area Network bringe.

Kompatibilität als Performance-Blockade?

Diese Kompatibilität soll aber nach Ansicht von Kritikern der Ethernettechnik mit hohen Performance-Verlusten erkauft sein. Das komme auf die verwendeten Technikkomponenten an, die müssten eben “High-End” sein, kontert da Rainer Ernst.

Die Netzwerkspezialisten von Hewlett-Packard (HP) sehen die Frage differenziert. “Natürlich ist die von ATM gewohnte Priorisierung bei Ethernet nicht drin, aber weil das der kommende Standard in der Übertragungstechnik ist, arbeiten alle Hersteller fieberhaft an einer Lösung dieses Problems”, sagte Stephen Rommel, Großkundenbetreuer bei der Netzwerkabteilung von HP.

Derzeit seien in Nordeuropa bereits Projekte im MAN-Bereich mit HP-Produkten aufgesetzt. Hier spricht er von einem “Qualitätsniveau, das an die herkömmliche Priorisierung schon fast heranreicht”.

Das Problem dabei ist aber, dass der Kunde in Zugzwang ist. Er muss bei der Nutzung von Ethernet außerhalb der vier Wände des Unternehmens jede von ATM gewohnte, bislang selbstverständliche Funktion einzeln vertraglich abschließen. Und natürlich bezahlen. Das ist einerseits zeitaufwändig, andererseits summieren sich die Einzelleistungen zum Teil so, dass der Umstieg auf die neue Technik von der Performanz her noch keine Vorteile bringt und die Kunden finanziell ausblutet.

10-Gigabit als Töter des Priorisierungs-Drachens

Abhilfe hierfür sieht Rommel aber bereits am Horizont heraufdämmern: “Mit der Standardisierung von 10 Gigabit Ethernet, also voraussichtlich ab Mitte Juni, können wir auch dieses Problem effektiver angehen.”

Dann sei die durchgehende Bedienung auch auf der Langstrecke möglich, das führe zu weiteren Kostenreduzierungen, die an den Kunden weitergegeben werden könnten. Rommel kann sich dann durchaus Qualitäts-Pakete vorstellen, die preislich in die Nähe der herkömmlichen langen Leitungen reichen sollen.

Für die Kunden heißt es also: Warten auf den Standard und gute Preise. Für die Anbieter: gute Produkte zu vernünftigen Preisen bereithalten – sonst steigen die interessanten Kunden gar nicht erst um. Und die interessanten Kunden kommen zumindest in Deutschland aus dem Mittelstand.