IT-Kommissionen

Enterprise

Hat auch dieser Höller immer gesagt, wenn er nicht gerade irgendwelche “Grenzen gesprengt” hat. Dieser Motivations-Guru, den man jetzt wegen diverser Konkursbetrügereien verurteilt hat.

Wohlan! Etwas Positives. Etwas Positives über den Bundeskanzler.

Also … eigentlich … Eigentlich ist das mit den Kommissionen ja eine gute Idee. (Zum Glück fällt einem meist doch noch was ein, wenn man sich gehörig unter Druck gesetzt hat.)

Kommissionen sind gut. Das hat so etwas Seriöses.

“Opa, Gürtel enger schnallen!” Das klingt so hässlich. “(Rürup-)Kommission für die Nachhaltigkeit in der Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme” hingegen! Da weht ein Hauch von akademischen Geist durch die Suppenküchen der Caritas.

Und “(Hartz-)Kommission zur Arbeitsmarktreform” hört sich ebenfalls viel gefälliger an als die – im Klartext nur in Unternehmerkreisen populäre – Forderung, die Arbeitslosen endlich auszuhungern.

Sollte man auch für die IT nutzbar machen, dieses Erfolgsmodell mit den Kommissionen.
Da könnte man zum Beispiel die “Bill-Gates-Kommission zur Gewährleistung der Software-Qualität” einsetzen. Deren Gutachten würde dann objektiv darlegen, dass es für den sicheren Betrieb eines Computers unabdingbar ist, dass der Adrenalinpegel des Anwenders sich stets auf dem höchstmöglichen Niveau befindet. Und dass das mit häufigen – die Phantasie anregenden Fehlermeldungen – wie “Allgemeine Schutzverletzung”, “Unbekannter Anwendungsfehler”, “Schwerer Ausnahmefehler” … – am besten zu erreichen ist.

Auch die Einrichtung eines “Scott-McNealy-Ausschusses zur Klärung der IT-Zukunft” ware löblich. Scott McNealy – der CEO von Sun Microsystems, des Unternehmens, das ein bisschen Server und Java verkauft – und ganz viel Visionware.

Vor ein paar Jahren beispielsweise hat Sun die Massenproduktion von Java-Chips hochgefahren. In Waferfabs der neuen Art. Reinraumklasse Null Dot Null. Überhaupt kein Staubpartikel. Nirgendwo.

Und auch kein Silizium. Keine Verdrahtung weder mit Kupfer noch mit Aluminium. Keine Dotierung und kein Hardware-basiertes Equipment.

Die Produktionslinien existieren rein verbal. Visionware pur.

Sun ist Marktführer in dem Geschäft und hat die Konkurrenz klar distanziert. IBM, Cybercash, Unwired Planet, Novell und andere konnten nie richtig mithalten.

Deren Visionware-Implementierungen wie Seastar, Cybercoin, WAP oder Digital-me leiden nämlich darunter, dass sie nicht vollständig sind. Entweder existieren doch ein paar Binaries. Oder jemand verhunzt die schiere Vision, indem er etwas Source-Code schreibt.

Oder einzelne, kleinere Visionware-Module werden doch noch für eigene oder fremde Produkte übernommen. Vielleicht findet sich dann sogar der eine oder andere verwirrte Anwender.

Visionware ist halt manchmal durch Realitäts-Partikel verunreinigt. Insgesamt aber sind die Hersteller hochinnovativ und bilden die Zukunftsbranche schlechthin.

Die Ergebnisse der Scott-McNealy-Kommission könnten übrigens in den Feuilletons der Tageszeitungen veröffentlicht werden. So wäre auch dem notleidenden deutschen Verlagswesen geholfen, das sich dadurch das Zeilenhonorar für die hauseigenen Schöngeister sparen könnte.

Ebenfalls segensreich wirken würde der “Erwin-Hetger-Ausschuss zum Schutz der Privatsphäre”. Erwin Hetger ist der Stuttgarter Polizeipräsident.

Er hat als erster den Vorschlag gemacht, man könne doch die Verbindungsdaten der Surfer ein paar Jahre lang speichern. Dann würde wieder Ordnung herrschen im Netz! (Faschd so wie’m Lendle.)

Bislang geht das ja nicht. Bislang dürfen diese Daten nur zu Abrechnungszwecken gespeichert werden.

Wobei man sie gerade dafür nun wirklich nicht braucht. Die Telekom macht schließlich auch das Inkasso für alle möglichen 0190er-Kleingangster. Und dazu sind ebenfalls keinerlei Daten, Belege oder Nachweise nötig. Der Surfer erfährt nicht einmal, wer da sein Geld einstreichen will.

Als ob’s für die Speicherung der Verbindungsdaten nicht bessere Gründe gäb’. Ist doch auch wahr!

Welche Schmuddel-Sites jemand ansurft, das ist doch etwas, was die Leute interessiert. Und vor allem die Wirtschaft. Der überbordende Datenschutz ist schließlich ein Wachstumshemmnis allerhöchsten Grades.

Ohne diesen Unsinn könnte die werbetreibende Wirtschaft endlich personalisierten Spam anbieten. Der Sodomist müsste dann nie mehr mit Mails in Sachen ‘horny girls’ belästigt werden.

Selbstverständlich bliebe auch bei einer wirtschaftsfreundlichen Gesetzgebung der Schutz der Privatsphäre gewahrt. Die Kommission könnte das mit zahlreichen Expertisen darlegen – von Unternehmen wie Doubleclick, Gator, Xupiter, Microsoft, Real Networks …

Nützlich wäre auch eine “Craig-Barret-Kommission zur Sicherung des Wettbewerbs auf den IT-Märkten”. Die Leute von Intel kennen sich da schließlich echt gut aus.

“Wehret den Anfängen”, heißt das Intel-Motto hinsichtlich der Wettbewerbsbeschränkungen durch übermächtige Konkurrenten. Schon im Start-up steckt ja der Keim des Monopolisten.

Und deshalb sorgt Intel denn auch sehr konsequent dafür, dass Konkurrenz gar nicht erst aufkommt. Ein redundanter Schutz vor Wettbewerbsbeschränkungen: Was nicht existiert, kann nicht beschränkt werden. Und jemanden, der’s zu tun, in der Lage wäre, den gibt’s auch nicht.

Und noch mit vielen anderen wunderbaren Kommissionen könnte man die Computer-Industrie und ihre Kunden beglücken: Den “Professor-Hasso-Plattner-Kreis zur Senkung der IT-Kosten”, die “Ulrich-Schuhmacher-Kommission zur Motivation der Beschäftigten der Elektronik-Industrie”, die “Stephan-Schambach-Kommission zur Förderung des Realismus in der Unternehmensplanung”, den “Hans-Olaf-Henkel-Beirat zur Pflege der Sozialpartnerschaft”, den “Larry-Ellison-Zirkel für mehr Bescheidenheit” …

Sowas wäre doch allerliebst. Was jedoch sagt man jemandem, der meint, das sei alles Unsinn? Ganz einfach: dass die Handlungsfähigkeit der Branche davon abhängt. Und dass deshalb die Vorschläge der Kommissionen 1:1 umgesetzt werden müssen.

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