Frühjahrskur aus Redmond

Enterprise

So, so, Microsoft will mal wieder einen Markt aufrollen. Den für Suchmaschinen. Sehr uninteressant! – An und für sich. Es wär’ ja nicht das erste Mal. PC-Betriebssysteme, Office-Programme, Browser, neuerdings Web-Services, Server-, Handy- und Handheld-Betriebssysteme – und jetzt eben auch Suchmaschinen.

Es wär’ ja nicht das erste Mal. PC-Betriebssysteme, Office-Programme, Browser, neuerdings Web-Services, Server-, Handy- und Handheld-Betriebssysteme – und jetzt eben auch Suchmaschinen.

Wie’s ausgeht, ist klar. Nein, natürlich nicht wegen irgendwelcher, irgendwie überlegener Technik.

Vielmehr wegen der Unternehmenskultur. Der kluge Gartner-Analyst Ray Valdes meint, die besage: “It’s better to win without any grace than to loose gracefully.” Frei übersetzt: lieber einen unanständigen Sieg als mit Anstand verlieren.

Und deshalb ist die Sache doch interessant. Die Terrier von Microsoft machen andere ja nicht willkürlich nieder. Die Gründe dafür erfinden sie schließlich nicht.
Genauso wenig, wie sie irgendwas Technisches erfinden. Microsoft ist ja nicht innovativ.

Umgekehrt: Firmen, die innovativ sind, werden von Microsoft später von der Platte geputzt.

Reife Technologien erkennt man eindeutig daran, dass Microsoft das Geschäft damit übernimmt. Also wenn die aus Redmond jetzt auch schon auf Suchmaschinen machen, dann muss das mit der Internet-Wirtschaft eigentlich doch recht weit gediehen sein.

Ist schnell gegangen! Anderes hat länger gedauert. Beispielsweise, bis die PC-gestützte Textverarbeitung sich durchgesetzt hatte. Und damit, bis Legacy-Tools wie Tipp-Ex ins Deutsche Museum verbannt waren.

Na ja, und es stimmt! Das Internet hat diesbezüglich ebenfalls schon ganze Arbeit geleistet. Überweisungsformulare beispielsweise – die mit dem blassen Durchschlag für die eigenen Unterlagen – die findet man kaum noch.

Oder Hochglanz-Männer-Magazine, einschließlich der zugehörigen Geschichte rund um die Zentralaussage: “Nur wegen der interessanten Interviews – doch nicht wegen der Bilder”. Ist nicht mehr.

Banking und Bunnies – alles im Web. Alles? Nein, nicht alles. Aber alles, was reingehört. Sicher, das ist weniger, als die hochinnovativen Entwickler von Visionware bis vor drei Jahren erfunden haben.

M-Commerce etwa – war wohl nix! Kein Mensch kauft heute von unterwegs aus Dotcom-Aktien über ein WAP-Handy. Um Geld zu verlieren, braucht man schließlich kein Mobiltelefon.

Oder ASP – Application Service Providing. Vor kurzem noch ging das ja wirklich jedem ganz locker über die Lippen. Aus der Traum! Gerade hat Einsteinet die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens beantragt.

Und selbst Internet-Publikationen haben einen gravierenden Nachteil: Man kann sie nicht in der Badewanne lesen. (Lediglich beim Wochenrückblick von silicon.de ist das Problem brillant gelöst. Den gibt’s nämlich auch als ‘printerfriendly version’ per Mail.)

Also: Es ist wieder mal anders gekommen. Aber insgesamt ist die Internet-Ökonomie doch weiter, als man sich gemeinhin bewusst macht.

Die Second-Hand-Wirtschaft etwa ist dank E-Bay nahezu vollständig virtualisiert. Rubrikanzeigen – die werden eigentlich kaum noch gedruckt. In HTML sind sie effektiver.

Und vor allem die Suchmaschinen natürlich. Die sind wirklich klasse!

Gerade jetzt, da der Konkurrenzkampf tobt. In solchen Situationen lassen sich die Macher ja echt was einfallen.

Nachrichtenbilder, Filmberichte, Definitionen und Landkarten. Nach all dem kann man jetzt gezielt suchen.

In sich ruhend, bleibt man vor dem Rechner sitzen. Man braucht nicht mehr aufzustehen, zum Bücherregal zu gehen, sich nach dem guten Diercke oder dem Brockhaus zu recken und zu blättern. – Weil: Die umfassendste Enzyklopädie, die man sich vorstellen kann, ist das Web.

Duden? Überflüssig! Die statistische Methode ist bequemer.

Wenn man sich nicht sicher ist, wie ein Wort geschrieben wird: einfach beide Versionen in die Suchmaschine eingeben. Die, von der es mehr Treffer gibt, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit die richtige.

Man neigt ja etwas zum Bauchfaltenwurf bei soviel Bewegungsarmut. – Na ja, aber jetzt kommt ja Microsoft, mit allem, was man aus Redmond so kennt: allgemeinen Schutzverletzungen, unbekannten Anwendungsfehlern, Alt + Ctrl + Del …

Deshalb wird man bald wieder zum Bücherregal gehen. Und die Schreiberlinge werden sein wie früher: rank und schlank und schön – wie in den kräftezehrenden Zeiten der mechanischen Schreibmaschine.

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