Kriegstechnik

Enterprise

Frontberichterstattung, soweit das Leserauge reicht. Journalisten aller Ressorts wollen auch dabei sein. Und deshalb steht im Feuilleton etwas zu den unersetzlichen mesopotamischen Kulturschätzen, die durch den Krieg Schaden nehmen könnten.

Und deshalb steht im Feuilleton etwas zu den unersetzlichen mesopotamischen Kulturschätzen, die durch den Krieg Schaden nehmen könnten. Und im Wissenschaftsteil wird versucht, die ökologischen Schäden durch brennende Ölquellen abzuschätzen. (Als ob’s jenseits der einschlägigen Argumente noch weiterer bedürfte, um gegen so einen Krieg zu sein.)

Nur die Wirtschaftsjournalisten, die den Gegenstand ihrer Berichterstattung so sehr lieben – mehr noch mehr als ihre Kollegen aus den anderen Abteilungen – die sind gut drauf. Die Kurse steigen. Weil: die geldwerten Kollateralschäden sind bereits eingepreist. Und Menschenleben waren noch nie kursrelevant.

IT-Redaktionen fachsimpeln über die Hightech-Kriegsführung und den Cyberwar. Und die übrigen Journalisten thematisieren sich selbst: die Desinformationspolitik des Militärs. (Viele trifft es offenkundig sehr viel härter, wenn sie von einem General belogen werden, als wenn ein Pressesprecher das tut.)
Aber es geht ja auch nicht anders. Man kann sich in Kriegszeiten nicht – quasi autistisch – mit dem Schönen, Guten und Witzigen befassen. So als gäb’s nichts anderes auf der Welt. Und deshalb geht’s im technischen Feuilleton von silicon.de heute nicht um Realsatire aus der IT-Branche, sondern um Technologie als Kriegsgrund.

Denn darum dreht sich’s doch angeblich beim Angriff auf den Irak: Ein Despot mit modernen Massenvernichtungswaffen stelle eine Gefahr bislang nicht gekannten Ausmaßes dar. Stimmt! Bloß: Wieviel Despoten gibt’s denn auf der Welt? Gegen soviel Länder kann man gar nicht Krieg führen. Und Massenvernichtungswaffen wollen sie alle.

Allerdings die schlechte Absicht allein genügt nicht – nicht, um in den Besitz von Hightech-Kriegsgerät zu kommen, und nicht als Kriegsgrund. Auch für Diktatoren reicht es nicht, Böses zu wollen. Um Schaden anzurichten, müßten sie es schon auch können. Und soweit ist’s zum Glück noch nicht. Saddam Hussein hat über Jahre hinweg alle erdenklichen Möglichkeiten ausprobieren lassen, um Uran auf Bomben-Niveau anzureichern. Allein: Es hat nicht geklappt!

Und das wissen alle, die mit dem Irak-Krieg befasst sind. Deshalb ist auch schon lange nicht mehr von möglichen irakischen Nuklearwaffen die Rede – wie Anfangs noch. Damals, als die Kriegspropaganda auf die Schreckensvision “Despot mit Atombombe” nicht verzichten wollte.

Aber es könnte bald dazu kommen. Irgendwo auf der Welt.

Technisch dreht es sich darum, mehrere unterkritische Massen spaltbaren Materials in Sekundenbruchteilen zu einer kritischen zu kombinieren und dann kontrolliert zu zünden. Beziehungsweise es dreht sich darum, verschiedene Uran-Isotope sauber zu trennen. Das sind schwierige Probleme, aber lösbare.

Sie sind auch schon mehrfach gelöst worden. Und wie’s funktioniert, das lässt sich auf Dauer nicht geheim halten.

Wenn die irakische Schreckensvision nicht – woanders – wahr werden soll, dann muss überall die politische und soziale Entwicklung mit der technischen Schritt halten. Nur so lässt sich verhindern, dass aus Wissen Bomben werden.

Umgekehrt nämlich sind rückständige politische Verhältnisse eine Voraussetzung für die Verbreitung von Kernwaffen. Alle Staaten, die in jüngster Zeit mit Aussicht auf Erfolg versucht haben, Nuklearwaffen zu entwickeln, waren Diktaturen: Pakistan, Südafrika, Argentinien und Brasilien. (In Südamerika waren damals die Militärs an der Regierung.)

Im Gegensatz dazu kann die Bundesrepublik Deutschland als Musterbeispiel für ein politisches System gelten, das den Gefahren des Nuklearzeitalters Rechnung trägt. Deutschland hat nach den Atomwaffenmächten wohl das größte Wissen in Sachen Kernspaltung. Trotzdem verdächtigt niemand, der ernst zu nehmen ist, heute die Bundesrepublik, sie wolle Nuklearmacht werden.

An der christlich-abendländischen Tradtion kann’s nicht liegen, wie die deutsche Geschichte zeigt. Vielmehr sind’s die stabilen demokratischen Verhältnisse. Keine Regierung könnte in Deutschland heimlich Milliarden für ein Atomwaffenprogramm abzweigen oder Hunderte von Wissenschaftler dafür abstellen. Sowas würde herauskommen.

In entwickelten Demokratien würde das nur gehen, wenn das Volk es will. Das hiesige Volk aber will nicht. Und deshalb läuft da nix. Das einzig probate Mittel gegen Proliferation ist Demokratie. Und die darf an Staatsgrenzen nicht halt machen.

Auch in der internationalen Politik muss die Legitimität die Gewalt ablösen. Dazu aber gehören starke Recht setzende und Recht sprechende Institutionen. Insoweit ist das, was seit gestern im Irak passiert, ein Rückschritt. Und es dient nicht dazu, die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen zu verhindern.

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