Schacht tritt ab – es lebe Russo

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Ära einer Netzwerk-Legende ist zu Ende

Mit dem am heutigen Mittwoch abgehaltenen Aktionärstreffen wird Henry Schacht, der bisherige Chairman von Lucent Technolgies, dem TK-Ausstatter aus dem Elternhaus Bell, zurücktreten. Seine Geschäfte soll vorerst CEO Patricia Russo übernehmen, meldet Reuters. Schacht bleibt als externer Berater dem Vorstand erhalten. Schacht hält sich damit an seine Aussage von vor einem Jahr, dass er mit dieser Versammlung im Jahr 2003 den Vorstand verlassen wird. Ein Reverse Split soll außerdem die neue Ära einläuten und den Aktienpreis, der bislang um die Dollarmarke pendelt, in absehbarer Zeit auf einen zweistelligen Dollarbetrag heben

Schacht hat eine wechselvolle Geschichte bei Lucent. Sie begann 1996 noch vor dem Spin-Off von AT&T. Er leitete zunächst seinen ihm ein Jahr darauf auf den CEO-Sessel folgenden Erben Richard McGinn an und trat 1997 als CEO zu dessen Gunsten zurück, um als Chairman über die Geschicke bei Lucent zu wachen. 1998 legte er auch dieses Amt nieder, nur um im Jahr 2000 die Zügel wieder in die Hand zu nehmen.

Die Situation bei dem Netzwerkausrüster und Glasfaserkonzern während dem Explodieren der Dotcom-Blase und die darauf folgenden TK-Pleiten und Worldcom- und andere TK-Skandale ließen die Anwesenheit des “großen alten Mannes”, wie er in den Fluren des Nürnberger Lucent-Entwicklungslabors, den deutschen Bell Labs, fast schon liebevoll genannt wird, angebracht erscheinen.

Er legte nachweislich die Fundamente für den Turnaround, indem er die operativen Kosten deutlich reduzierte – dies auch durch Entlassungen. Aber hier wurde ihm geradezu ein Schlingerkurs nachgesagt: in Brocken von 1000 bis 5000 gestrichenen Stellen reduzierte er die Belegschaft peu à peu. Ein sauberer Schnitt, so sagen entlassene Mitarbeiter im Chor mit Analysten der Wall Street, hätte Kunden und Angestellte weniger verunsichert und “wäre glaubwürdiger gewesen als diese Salamitaktik”.

Auch sonst, wenn es um Management-Erfolge geht, muss er sich Kritik gefallen lassen. So sagte kürzlich ein Analyst, der anonym bleiben wollte, dass “der Erfolg, den Lucent hat, eigentlich auf Pats Konto geht – Schacht hat nicht wirklich viel gemacht”. Bemängelt wird offenbar, dass er seine Umbauphasen nicht konsequent durchgezogen oder aber effektiv aufeinander abgestimmt hatte.

“Es scheint, als sei er vom Ergebnis dessen, was er anstieß, immer auch selber ein bisschen überrascht gewesen”, erteilt ein Lucent-Mitarbeiter gegenüber silicon.de dem Veteranen nicht gerade eine Eins in Kompetenz. Russo hingegen, die im Januar 2002 vom CEO-Büro bei Eastman Kodak in das bei Lucent gewechselt hatte, sei da “ein anderes Kaliber”.