Haben die Mobilfunker ihre Chance vertan?

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Große Hoffnungen und tiefe Abstürze

Im vergangenen Jahr wurde die Agenda Setter-Studie von silicon.de von Größen aus dem Mobile-and-Wireless-Bereich angeführt: Drei Namen fanden sich unter den Top Ten: Vodafone-Chef Chris Gent, Nokia-CEO Jorma Ollila und sein Pendant bei der japanischen NTT Docomo, Keiji Tachikawa.

Natürlich sind alle drei auch in der aktuellen Hitliste vertreten, aber sie mussten Rückschläge hinnehmen. Gent wird zwar inzwischen weniger oft mit seinem Trademark-Lächeln gesehen, aber er ist der einzige der Drei, der mit knapper Not in die Top Ten der Agenda Setter gelangte. Sein zehnter Platz belegt zwar, dass er von unserem Expertengremium auch in diesem Jahr viele Stimmen bekommen hat – aber die Tage der großen Einkaufstour unter den Mobilfunkbetreibern ist für Gent vorbei und sein Einfluss schrumpft.

Um Ollila wird es stiller

Panel-Teilnehmer Ajay Chowdhury, er ist Manager bei IDG Ventures Europe, meint dazu: “Gent hat es versäumt, Applikationen und Services zu vermarkten. Er ist für den Misserfolg von WAP genauso verantwortlich wie alle anderen.” Allerdings halte Gent “die Zügel beim größten Mobilfunkanbieter der Welt immer noch fest in der Hand”.

Auch Nokia-CEO Ollila ist nach wie vor eine Legende an der Spitze seines Handy-Imperiums – eine Position, die er immerhin schon zehn Jahre innehat. Niemand bestreitet, dass Ollila noch immer eine wichtige Rolle spielt: An der Spitze des Unternehmens, das ein Drittel aller Mobiltelefone weltweit liefert und für sich in Anspruch nimmt, die Benutzeroberfläche trotz der Konkurrenz von Microsoft zu dominieren. Aber tatsächlich ist die Aufmerksamkeit, die er bekommt, im Vergleich zum Vorjahr merklich geschwunden.

Knackpunkt UMTS-Lizenzen

Gent, Ollila und Dutzende anderer Manager an der Spitze der europäischen Mobilfunkindustrie wurden letztlich von der UMTS-Katerstimmung eingeholt: Bisher unbekannte Milliarden-Summen für die Lizenzen haben sie ausgegeben. Und weil die Ertragsaussichten so unsicher sind, haben sie ihre Infrastruktur-Lieferanten gleich auch noch in die Vorleistungs-Pflicht genommen.

NTT-Docomo-Chef Tachikawa blieb in den vergangenen zwei Jahren der Goldjunge der Branche, hauptsächlich wegen des I-Mode-Standards, den die Japaner entwickelt haben. In der aktuellen Untersuchung rutschte er von Platz 6 im Vorjahr auf Platz 27, was auf den ersten Blick ein bisschen unfair aussieht. Tatsächlich hat sich sein Einfluss ja eigentlich noch vergrößert. Nicht zuletzt deshalb, weil zunächst E-Plus und jetzt auch deren Konzernmutter KPN I-Mode-basierte Services auf den Markt geworfen hat.

Für so manchen kam das Aus

Panel-Mitglied und Journalistin Kate Bulkley geht davon aus, dass die Entscheidung der Japaner, große Teile des mit I-Mode generierten Umsatzes an Content-Provider zurückzugeben, der Knackpunkt war. Obwohl dadurch innovative Services unterstützt werden, ist sie skeptisch: “Ob das auch in anderen Ländern funktionieren wird, ist noch nicht gesagt.”

Gent, Ollila, Tachikawa: Alle drei fielen dieses Jahr zurück – aber das heißt nicht, dass sie nicht wieder nach vorn kommen können. Andere Branchenvertreter kamen noch schlechter weg, manche fielen ganz durch’s Raster. So etwa Don Listwin, der CEO von Openwave – ein Spezialist für Mobile Browser und Unified Messaging. Durchgefallen ist auch der frühere Palm-Chef Carl Yankowski, der sich aus dem Unternehmen verabschieden musste.

Interessante Neueinsteiger

Aber für Yankowski and Listwin gibt es auch schon Ersatz. Auf Platz 35 findet sich dieses Jahr David Levin, der CEO von Symbian. Mobile Betriebssysteme scheinen immer wichtiger zu werden; Ericsson, Matsushita, Motorola und Nokia ebenso wie Levins ehemaliger Arbeitgeber Psion sind auf der Suche nach einer tragfähigen Plattform.

Microsoft dürfte mit seinen Mobilfunk- und PDA-Ambitionen der größte Gegner für Symbian sein. IDG-Analyst Chowdhury hält dagegen, Symbian müsse diesen Konkurrenzkampf nicht scheuen: “Ich glaube nicht, dass sich die Endgerätehersteller und Netzbetreiber Windows CE auf ihre Handys holen werden.”

Das zweiköpfige Monster

Erstaunlich ist auch das Duo Charles Dunstone and Hans Snook auf Platz 29. Das zweiköpfige Monster – unser Gremium bestand darauf, die beiden gemeinsam aufzulisten – wurde wegen seiner Möglichkeiten im Einzelhandel gewählt; und wegen der Annahme, dass niemand außer diesen beiden in der Lage sein dürfte, die Services der nächsten Generation attraktiv zu gestalten. Dunstone hat Carphone Warehouse zu Europas größtem Telefon-Einzelhändler gemacht, während Snook vor seiner Zusammenarbeit mit Dunstone die Geschicke beim Mobilfunker Orange in der Hand hatte.

Weitere Neulinge im Feld der Mobilfunk-Größen sind Sony-Chef Nobuyuki Idei auf Platz 11 – vor allem wegen der Möglichkeiten rund um die Partnerschaft zwischen Sony und Ericsson – sowie Telefonica-CEO Alierta Izuel auf Platz 49. Izuel hat zwar nicht das Profil des früheren CEO Juan Villalonga, aber unsere Experten meinten, dass er Telefonica Moviles zu einer internationalen Größe machen kann, wenn das lang erwartete Angebot für MMO2 kommt.

Wichtige Rolle für den mobilen Sektor

Auf den ersten Blick sieht es so aus, als hätten die Mobilfunkbranche und alles, was damit zusammenhängt, seit den Agenda Setter 2001 einen Rückschritt gemacht. Allerdings sind die führenden Köpfe der Branche in der Liste stark vertreten.