Halbleiterindustrie zaubert sich einen Frühling

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Auf einmal merken es alle: Die Konjunktur ist gar nicht so schlecht

Zarte Frühlingstöne sind auf der Münchener Fachmesse electronica zu vernehmen: Die Lage der Branche sei doch eigentlich gar nicht so schlecht, raunen Verbände und Unternehmenslenker unisono. Das Witzige daran: Die Talsohle ist schon längst durchschritten – gemerkt haben es die Verantwortlichen aber erst jetzt.

“Die Erholung der Industrie hat bereits im Januar eingesetzt. Wir befinden uns seit einem Dreivierteljahr auf dem Vormarsch“, konstatierte beispielweise Joe Martin, CFO beim Halbleiterhersteller Fairchild Semiconductor auf einer Podiumsdiskussion.

Ganz so positiv sieht es der deutsche Zentralverband der Elektrotechnik- und Elektronikindustrie nicht. Der Zusammenschluss der Hersteller elektronischer Bauelemente sieht den deutschen Markt in diesem Jahr noch einmal um knapp 10 Prozent abspecken, aber ab dem nächsten Jahr ist wieder der Vorwärtsgang angesagt. Ein militärisches Abenteuer der USA im Irak könnte allerdings die Blütenträume der Industrie im Handumdrehen wieder zunichte machen, warnte ZVEI-Präsident Dietmar Harting. Abgesehen von dieser großen Unbekannten in der Gleichung der Halbleiterwirtschaft sei jedoch ein vorsichtiger Optimismus durchaus am Platze.

Ähnliche Einschätzungen waren auch aus anderen Richtungen zu hören, vor allem von Unternehmensseite. Danach ist das Schlimmste längst überstanden, nur sind sich die Gurus nicht einig, wie schnell die Umsatzzahlen wieder nach oben schnellen. Der Schwerpunkt der Schätzungen liegt im hohen einstelligen Prozentbereich für das Jahr 2003 und noch um einiges höher für die folgenden Jahre.

Einig sind sich die Chipfabrikanten darin, dass der Absatz von Prozessoren, Speichern und Logikchips bereits seit einiger Zeit wieder anzieht. “Die Erholung der Nachfrage ist da. Das Problem sind jetzt die Preise”, sagte ein Vertreter eines Chipherstellers. Die nach wie vor bestehenden Überkapazitäten in der Fertigung drücken nach Feststellung der Hersteller immer noch gewaltig auf die Preise.

Impulse gehen vor allem von der Automobilindustrie aus: Überall in der Welt wächst der Trend, Kraftfahrzeuge mit Elektronik voll zu stopfen. Motor- und Bremskontrollsysteme und vor allem die mehr und mehr verbreiteten Navigationssysteme werden in den kommenden Jahren die Nachfrage stimulieren, so wie sie das bereits im laufenden Jahr getan haben.

Neben der Automobilindustrie soll vor allem das Thema ‘Breitband zum Verbraucher’ für gesteigerte Nachfrage sorgen. Dieses Segment schließt DSL-Anschlüsse für Unternehmen und Privatkunden sowie drahtlose lokale Netze ebenso ein wie Mobilfunk der dritten Generation (UMTS). Auch in diesem Teilmarkt kommt nach Auffassung der Industrie der entscheidende Teil der Nachfrage von den Privatkunden. “Bei drahtlosen Netzen geht es jetzt hauptsächlich darum, sie userfreundlich zu gestalten, damit sie für Heimanwender interessant werden”, erklärte Martin Eisenhut vom Beratungsunternehmen Deloitte Consulting.

Die Verlierer stehen auch schon fest. Dazu gehört der PC-Markt, der trotz eines nun schon mehrere Jahre andauernden Investitionsstaus in den Unternehmen auch im nächsten Jahr keine signifikanten Wachstumsraten vorlegen wird. Vor allem aber für den Bereich der drahtgebundenen Netze wird der Konjunkturwinter anhalten. “Das wird der letzte Bereich sein, in dem sich eine Erholung einstellt”, sagte Eisenhut.

Regional betrachtet kommen die Wachstumsimpulse vor allem aus Südostasien einschließlich China. Ohne die Nachfrage aus dieser Region wäre der Preisverfall noch wesentlich drastischer ausgefallen, meint Harting vom ZVEI. Auch Infineon-Vorstandsmitglied Peter Bauer überkommen beim Gedanken an Fernost Frühlingsgefühle. “Asien war für uns während der vergangenen beiden Quartale einfach der Wachstumsmarkt”, schwärmt der Infineon-Manager.

Innerhalb Europas gehören die ehemaligen Ostblockländer wie Tschechien, Polen und Ungarn zu den großen Gewinnern. Sie konnten in den vergangenen Jahren einen großen Teil der Fertigungsaufträge im Bereich der Konsumelektronik ergattern – hauptsächlich zu Lasten Großbritanniens, dessen Rolle als Elektronikstandort drastisch zurückging. Das als Hightech-Standort vielfach bereits abgeschriebene Deutschland konnte sich jedoch laut ZVEI im europäischen Vergleich gut behaupten.

silicon meint: Drei Viertel des Konjunkturklimas, sagen Experten, sind Psychologie, lediglich ein Viertel beruht auf nüchternem Abwägen von Zahlen. Wenn das stimmt, so sollten die Wirtschaftsvertreter fast durch die Bank einmal bei ihrem Therapeuten vorbeischauen, denn die Branchenzahlen sind offenbar wesentlich besser als ihre psychische Befindlichkeit. Das einzige, was zu einem veritablen Aufschwung jetzt noch fehlt, ist die entsprechende Aufbruchstimmung. Schade, dass man die heutige Managergeneration zur Jagd tragen muss.