Brüssel lässt EU-weiten Linux-Einsatz prüfen

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Versuchsfeld in der Bundesrepublik

Das Open-Source-Betriebssystem Linux steht möglicherweise vor einem Durchbruch auf europäischer Ebene. Die EU-Kommission hat für 250 000 Euro eine Studie in Auftrag gegeben, die Einsatzmöglichkeiten von Linux in den Verwaltungen der Mitgliedstaaten sowie in Brüssel aufzeigen soll.

Beauftragt mit den Untersuchungen wurde in der vergangenen Woche der britische IT-Dienstleister Netproject. Das Unternehmen liefert aber nicht nur Studien, sondern führt derzeit den Roll-out einer Linux-Umgebung bei der Polizeibehörde von West Yorkshire durch. Dort geht es immerhin um die Vernetzung von rund 60 000 Clients.

Deshalb erwarten die Kommissare in Brüssel mehr als nur Tipps zur Migration von Windows auf Linux. In fünf Monaten sollen die Ergebnisse bereits auf dem Tisch liegen, dann auch mit einer ausgefeilten IT-Sicherheitsstrategie.

Für den geplanten Feldversuch hat sich die EU-Behörde das deutsche Bundesland Mecklenburg-Vorpommern ausgesucht. Hier sollen die Grundzüge einer umsetzbaren “Secure Open Desktop Architecture” entwickelt werden.

Sogar für die Hardwareausstattung gibt es bei Netprojects bereits konkrete Vorstellungen. Bei der britischen Regionalpolizei wurden besonders billige Client-Rechner eines taiwanesischen Herstellers für rund 470 Euro verbaut, die aber allesamt mit einem Smartcard-Lesegerät ausgerüstet wurden.

Eines der wichtigsten Elemente der bisherigen Projekte sei allerdings die Möglichkeit, auch bestehende Windows-Umgebungen in das Gesamtsystem einzubinden, heißt es bei Netprojects.

Zuversichtlich dürfte die Entscheider im politischen Brüssel eine Studie von Bloor Research stimmen. Darin wird dem Pinguin-OS bestätigt, es sei inzwischen auch für unternehmenskritische Aufgaben einsetzbar. IBM hatte die Untersuchung in Auftrag gegeben, um die eigene Linux-Strategie zu überprüfen.

Vor drei Jahren sah das Ergebnis einer ähnlichen Studie noch ganz anders aus. Selbst als Datei- oder Druckserver wollten die Experten Linux damals noch nicht empfehlen. Jetzt aber sei Linux die richtige Antwort auf die drängenden Sicherheitsfragen in der IT – ob Unternehmen, Verwaltung oder sonstige Organisation. Schließlich könne ja der frei verfügbare Quellcode geprüft und verändert werden, um von vornherein etwaige Sicherheitslücken oder Hintertüren auszuschließen.

Während IBM sich schon seit längerem zu einer Anpassung seiner Hardware für Linux-Landschaften verpflichtet hat, ist eine solche Strategie für den japanischen Fujitsu-Konzern Neuland. Der Server-Hersteller bezeichnete Linux gerade erst als “Betriebssystem, das eine Schlüsselrolle spielen wird”. Neun Middleware-Produkte sollen demnächst in einer Linux-Version verfügbar sein. Die Brüsseler IT-Leute dürften also demnächst aus einem wachsenden Angebot auswählen können.

Silicon meint: Wer eine Studie in Auftrag gibt, drückt sich damit ja oft um eine Entscheidung. In Brüssel liegt die Sache anders. Denn auch in einem solchen Apparat ist die IT längst als ‘geschäftskritisch’ erkannt worden. Wirtschaftlich (Lizenzen) und technisch (Sicherheit) scheint Bedarf für einen ‘Anbieterwechsel’ zu bestehen. Allerdings hat gerade die Debatte um den Einsatz von Linux in Teilen der Bundestagsverwaltung gezeigt, dass der nötige Sachverstand nicht überall vorhanden ist. Wenn schon eine Viertel Million Euro im Spiel ist, dann sollte die Studie eine solide Basis für die Entscheidungen schaffen können.