Die Informationsgesellschaft frisst ihre Kinder

Management

Keine Daten – keine Rente

Eine Schlamperei atemberaubenden Ausmaßes hat bei der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte stattgefunden: Dort gingen für die Rentenberechnungen relevante Daten bei der Übertragung von einem Rechner auf einen anderen verloren – und die Verantwortlichen haben es zu spät gemerkt. Jetzt glühen die Drähte zwischen der BfA und der Bundesanstalt für Arbeit als Lieferant der fraglichen Daten – unter Ausschluss der Öffentlichkeit natürlich.

Der Vorgang macht geradezu lehrbuchhaft deutlich, wie stark die heutige Gesellschaft, die sich gerne das hippe Logo “Informationsgesellschaft” ans Revers heftet, tatsächlich von der Verfügbarkeit von Informationen abhängig ist. Im konkreten Fall heißt das für die Betroffenen: Keine Daten, keine Rente – eine potenzielle Katastrophe für Hunderttausende.

Angesichts der komplexen Vernetzung unserer Gesellschaft wäre es naiv anzunehmen, dass der Fall Einmaligkeitswert besitzt. Wie viele solcher “sozialen Bomben” lauern noch in Versicherungen, Ämtern und Behörden? Und wer trägt im Falle eines Falles die Nachweislast? Was den Umgang mit den Kunden anbelangt, stecken deutsche Behörden ja noch im obrigkeitsstaatlichen Kaiserreich. Während jeder kleine Selbständige verpflichtet wird, seine steuerlich relevanten Unterlagen zehn Jahre lang aufzubewahren, gehen die Organe der öffentlichen Hand offensichtlich sehr sorglos mit den von ihnen verwalteten Daten um, obwohl sie die Grundlage für zentrale Angelegenheiten der Bürger darstellen.

Dass die Software, die im vorliegenden Fall den Fehler verursacht hat, von den behördlichen Datenverarbeitern in Eigenregie erstellt wurde, ist ein interessanter Nebenaspekt. Wir wollen hier keineswegs behaupten, die öffentlichen Informatiker seien weniger qualifiziert als ihre Kollegen in der freien Wirtschaft. Aber während in der Wirtschaft jeder IT-ler weiß, dass ein solcher Fauxpas seinen Kopf kosten würde und entsprechend sorgfältig arbeitet, sind die amtlichen Programmierer vor dem Hinauswurf weitgehend geschützt.

Die Frage drängt sich auf, wie sich dem Problem beikommen lässt. Zentralisierung der DV? Wohl kaum. Mehr offene Systeme? Das ist gar nicht das Problem. Eine zusätzliche Überwachungsbehörde, die auch Standards für die verwendeten Verfahren setzt? Das könnte solche Probleme etwas weniger wahrscheinlich werden lassen – aber gleichzeitig den staatlichen Wasserkopf weiter anschwellen lassen. Die Gesellschaft muss sich darüber klar werden, dass ihre zunehmende Vernetzung einen Preis hat.