Medienindustrie will nackte P2P-Nutzer sehen

Management

Rumpelstilzchen verzweifeln an Kazaa

Der Streit zwischen der amerikanischen Musik- und Filmindustrie mit den Betreibern von digitalen Tauschbörsen spitzt sich erneut zu. Der US-Branchenverband Recording Industry Association of America (RIAA) versucht jetzt erstmals gerichtlich, an die Daten der Nutzer zu gelangen.

Vor einem Bezirksgericht in der Bundeshauptstadt Washington beantragte der Verband, der Internet-Serviceprovider Verizon müsse seine Kundenkartei offen legen, damit die Inhaber von Urheberrechten entsprechende Rechtsverstöße ahnden lassen könnten. Das TK-Unternehmen weigert sich – der zuständige Richter meinte zunächst, die Rechtlage sei seinem Ermessen nach nicht eindeutig. Es solle aber zu einer raschen Entscheidung kommen.

Nachdem das Filesharing-Netzwerk Kazaa sich zum erfolgreichsten Erben der niedergerungenen Tauschbörse Napster entwickelt hat, sind auch hier Klagen in den USA anhängig. Allerdings sind die Urheber und Betreiber weit schwieriger zu fassen als die MP3-Fans im eigenen Land.

Denn das Unternehmen Kazaa sitzt auf dem Pazifik-Eiland Vanuatu, das Management arbeitet von Australien aus, die eingesetzten Server stehen angeblich in Dänemark und die Software wird in den Niederlanden weiterentwickelt – gewissermaßen im Untergrund, denn die Programmierer werden bereits polizeilich gesucht.

Knackpunkt einer gerichtlichen Auseinandersetzung in den USA dürfte aber zunächst sein, ob die Beihilfe zur Verletzung von Urheberrechten denn überhaupt justitiabel ist. Denn unstrittig ist, dass Kazaa selbst keine raubkopierten Files anbietet.

Das Unternehmen hat bisher sämtliche Vorwürfe mit dem Hinweis gekontert, es gebe gar keine Möglichkeit, das Kazaa-Netz zu stoppen. Selbst wenn Kazaa aufhören würde zu existieren, würden die bis dahin installierten Clients weiterhin Dateien anbieten und austauschen können, so die Argumentation. Die Medienunternehmen stellen das in Abrede.

Kazaa finanziert sich und die Weiterentwicklung der Software augenscheinlich mit Werbebannern, die auf die Desktops der Anwender gespült werden. Vor wenigen Monaten war Kazaa ins Gerede gekommen, weil zusätzliche Programmbestandteile offenbar ein weltumspannendes Marketingnetz vorbereiten sollten – bisher ohne Wissen und Einverständnis der User.

Für Kazaa spräche vor Gericht aber auch, dass bei weitem nicht nur urheberrechtsgeschützte Musiktitel, Kinofilme, Fernsehmitschnitte und PC-Spiele verbreitet werden, sondern auch eine große Zahl von privat erstellten Inhalten, die die Nutzer über das Netz zum Download anbieten wollen. Die Gegenspieler der RIAA argumentieren also, ein Verbot von Kazaa würde das amerikanische Verfassungsrecht zur freien Meinungsäußerung verletzen.

Rund um die Uhr nutzen circa 3 Millionen Menschen das Kazaa-Netz und stellen dabei durchschnittlich eine halbe Milliarde Dateien zur Verfügung – doppelt so viele wie Napster in seiner Blütezeit.

Zwar besteht auch außerhalb der Vereinigten Staaten meist Übereinstimmung darüber, dass Urheberrechte an digitalen Inhalten zu schützen sind, Verstöße dagegen verfolgt werden sollten. Bei den vorgesehenen Sanktionen gehen die Rechtsauffassungen dagegen weit auseinander.

Wenig hilfreich für die Position der US-Unternehmen ist ein Vorfall aus dem vergangenen Jahr. Da hatte ein amerikanischer Richter entschieden, dass der Auktionsanbieter Yahoo sich einem französischen Gerichtsurteil nicht beugen müsse, in dem die Versteigerung von Nazi-Materialien verboten wurde. “Free Speech” sei ein höheres Gut als eine Rechtsauffassung im fernen Paris, hieß es. Gerade die Behörden in den europäischen Staaten dürften also kaum Grund zur Zusammenarbeit sehen, so lange hier nicht gemeinsame Standards für Internetrecht festgelegt sind.

Silicon meint: Man fragt sich ja, ob die Medienunternehmen neben Juristen nicht auch ein oder zwei Image-Berater beschäftigen sollten. Denn der Vorstoß gegen Verizon ist – gelinde gesagt – geschäftsschädigend, selbst wenn die RIAA damit keinen Erfolg haben sollte. Wenn sich die Musikverlage an T-Online, AOL und Tiscali mit dem selben Ansinnen heranmachen, dann werden sie sich gehörig die Finger verbrennen. Hoffentlich.