Softwareindustrie jammert auf hohem Niveau

Management

Trübe Aussichten – aber nicht für alle

Das konjunkturelle Umfeld der Softwarebranche trübt sich weiter ein. Experten warnen bereits vor einem weiteren Einbruch.

Wer bisher geglaubt hatte, die IT-Etats seien schon so knapp, dass es nur noch aufwärts gehen könne, muss sich unter Umständen auf eine noch schlechtere Perspektive einstellen. Weder Industrie noch Anwender sehen einen Silberstreif am Horizont. Aber es gibt Ausnahmen.

Am Wochenende schlug Oracles Finanzchef Jeff Henley Alarm. In einem Interview sagte der Manager, er befürchte, dass jetzt auf die europäische Technologiebranche die gleichen Tiefschläge wie zuvor auf die US-amerikanische zukämen. Dem Wall Street Journal zufolge sagte Henley “Ich habe im vergangenen Quartal alle die Dinge gehört, die ich letztes Jahr in den USA gehört habe”.

Dem Bericht zufolge gaben die europäischen Firmen bislang mehr Geld für IT aus als die amerikanischen. Doch das scheint sich in den vergangenen Monaten geändert zu haben, die Sparwut greift jetzt auch auf dem alten Kontinent um sich.

Das sehen auch die Anwender nicht anders. “Aus dem Verkauf neuer Lizenzen sind derzeit garantiert keine Impulse zu erwarten”, bestätigt der Vorsitzende der Oracle-User-Group, Fried Saacke, den düsteren Ausblick. Die Anwender, so Saacke, halten sich mit großen Projekten mehr zurück denn je. Und das gelte nicht nur für den Datenbank-Markt: “Im Oracle-Umfeld sieht es nicht anders aus als in anderen Bereichen”, so Saacke.

Eine große Zurückhaltung seitens der Anwender hat auch der Branchenverband Bitkom beobachtet. “Nach den großzügigen Investitionen der vergangenen Jahre müssen die IT-Manager erst einmal den Return of Investment unter Beweis stellen”, sagt Axel Pols, Referent für Marktforschung beim Bitkom.

Die Misere wird auch noch eine Weile andauern. “Wir sehen auch vor dem zweiten Halbjahr 2003 kaum Anzeichen für eine Belebung”, sagt Pols. Zur Zeit begnügten sich die Anwender notgedrungen mit kleineren Investitionen. “Statt für neue komplexe Anwendungen geben die User das Geld momentan für die Optimierung der Infrastruktur aus, für Wachstum fehlt das Projektvolumen”, so Pols.

Allerdings gibt es Unterschiede. Besser als im Durchschnitt sieht es laut Pols im Bereich E-Business aus, obwohl dort im wesentlichen die gleichen Marktmechanismen wirken. Und der Security-Sektor steht bei den Anwendern zur Zeit sehr weit oben auf der Agenda. Nur die harten Budgetvorgaben halten sie noch vom Kauf ab.

Überhaupt sind nicht alle Teilmärkte gleichermaßen von der Misere betroffen. Bei Microsoft beispielsweise hat man wohl schon einmal etwas davon gehört, dass es manchen Anbietern schlecht gehen soll, sieht sich aber nicht selbst betroffen. “Wir haben von der Konsolidierung und dem Sparkurs profitiert”, sagt Microsoft-Sprecher Thomas Baumgärtner.

“Statt eines großen Unix-Servers hat in vielen Fällen eben doch eine kleine Windows-Maschine ausgereicht”. Lediglich bei Themen wie Middleware – ob Javabeans oder Dotnet – habe man eine gewisse Kaufzurückhaltung beobachtet. “Man jammert halt auf höchstem Niveau”, kommentiert Baumgärtner die aktuell verdüsterte Weltsicht der Softwarebranche.

silicon meint: Es ist sicherlich nicht nur Jammern auf hohem Niveau, was die Anwender derzeit treiben. Wenn in den Unternehmen der Stellenabbau grassiert, kann man davon ausgehen, dass es dort wirtschaftlich nicht zum Besten steht. Aber ganz davon abgesehen: Warum sollte ein Anwender in die x-te Version einer Software investieren, wenn sie nichts wirklich Neues bringt? Vielleicht ist ja der IT-Markt schon so reif, dass wirkliche Innovationen kaum noch zu machen sind.