Online-Simulation soll beweisen: Wahlprognosen sind Quatsch

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Scheinbare Genauigkeit führt in die Irre

Wahlprognosen sind ein Krampf, behaupten Politiker gerne, wenn ihre Partei gerade einmal zurück liegt. Doch auch der geneigte Wähler dürfte den Kopf schütteln, wenn an demselben Fernsehabend renommierte Wahlforscher von Allensbach bis Infratest einmal die Roten, dann die Schwarzen gewinnen lassen. Fritz Ulmer, Professor am Fachbereich Mathematik der Bergischen Universität Wuppertal, behauptet nun, die Ergebnisse zur Sonntagsfrage seien generell unbrauchbar.

Zum Beweis hat er auf der Site www.wahlprognosen-info.de ein Computerspiel installiert. Hier sollen Internet-Nutzer am eigenen Leibe erfahren können, wie beliebig die scheinbar fundierten Zahlen aus den Umfragen tatsächlich sind.

Das Problem besteht laut Ulmer darin, dass für Politbarometer-Umfragen etwa 300 bis 2000 Wahlberechtigte zufällig ausgewählt und befragt werden. Die Telefonnummern werden ausgelost. Für die nächste Umfrage werden jedoch bereits andere gelost. Das führe zwangsläufig auch zu anderen Ergebnissen. Markante Veränderungen für mindestens eine Partei seien deshalb lediglich vorgetäuscht.

Ulmer bezeichnet diese Verschiebungen als “Lotterieschäden”. Sie betragen bei 1250 Befragten für große Parteien immerhin bis zu 6 Prozent und für kleine bis zu 3 Prozent. Erhöht sich die Zahl der Befragten, etwa um das Vierfache auf 5000, halbieren sich diese Lotterieschäden. Sinkt die Zahl der Befragungen auf 300, wie das in den neuen Bundesländern häufig der Fall ist, dann verdoppeln sich die Lotterieschäden.

Darüber hinaus gibt es einer sehr hohe Ausfallrate. So sind nicht alle Ausgelosten Zuhause, viele verweigern die Antwort, sind noch unentschlossen oder machen falsche Angaben. Die Ausfallrate beträgt laut Ulmer oft mehr als 50 Prozent. Damit bilde diese “schweigende Mehrheit” die Achillesferse jeder Umfrage.

Aus diesen Gründen hätten die Wahlforscher die Sonntagsfrage längst zu einem Ritual degradiert und durch Gewichtungskunst ersetzt, sagt Ulmer. Diese sei jedoch ein Vabanquespiel mit der politischen Stabilität, somit eine Wählertäuschung, die mithin eigentlich strafbar (StGB § 108a) wäre.

“Damit jedermann die Auswirkungen der Zufallsauswahl sehen und erleben kann, habe ich diese als Computerspiel, eine Simulation, auf meiner Internetseite präsentiert”, sagt Ulmer. “Demjenigen, der die Übungen absolviert und verdaut hat, werden nackte Prozentzahlen ohne Toleranzgrenzen wie saure Milch aufstoßen.” Mit solchen Toleranzgrenzen versehen hätten die gegenwärtig kolportierten Prognosen jedoch keinen Informationswert mehr.