Enterprise-Software-Markt schlittert in die Konsolidierung

Management

SAP und Konsorten bitten zum Gemetzel

Der Markt für Unternehmenssoftware ist reif für massive Konsolidierungsbewegungen. Dabei sollen zunächst die kleineren Spezialanbieter im Magen der Großkonzerne landen, prognostiziert das Marktforschungsunternehmen Aberdeen Group.

“Die Käufer werden in der Gewichtsklasse von IBM, Microsoft und Peoplesoft zu finden sein, die Kandidaten für eine Übernahme sind eher in der dritten und vierten Reihe zu finden”, so Studienautor David Alschuler. Als Beispiel führt er die Akquisition des kleinen CRM-Anbieters Annuncio durch den ERP-Riesen Peoplesoft an. Hier sei das klassische Grundmuster für kommende Zukäufe zu finden: Ein ERP-Anbieter habe CRM-Wissen und -Produkte zugekauft, anstatt sie von Anfang an selbst zu bauen und zu etablieren.

Dabei stünden sich vor allem die unterschiedlichen Produktfamilien gegenüber, erklärt der Studienautor. “Die Hersteller von Business-Suites hatten lange Zeit einen harten Konkurrenzkampf mit den Herstellern spezifischer Best-of-Breed-Lösungen zu kämpfen – aber über kurz oder lang werden die etablierten Suites-Anbieter wieder obenauf sein”, so Alschuler.

Besonders jetzt, da kleine Softwarehäuser “günstig zu haben” und ihre zum Teil sehr ausgereifte und auf bestimmte Branchenbedürfnisse zugeschnittene Technik daher viel besser zu bekommen sei, würden viele Großunternehmen die alte Frage “Bauen oder Kaufen” mit einem Zukauf beantworten. Bei Microsoft beispielsweise sei diese Erkenntnis schon seit der Übernahme des Mittelstands-Anbieters Great Plains zu beobachten gewesen. “Mit diesem Kauf hat sich Microsoft nicht nur ganz allgemein im Mittelstand, sondern vor allem im CRM-Anbieterfeld schnell eine Position aufgebaut – und das ganz ohne Vorkenntnisse in diesem Markt”, führt der Marktforscher an.

Jetzt sieht er die Redmonder als eines der ersten Unternehmen, die das Konsolidierungskarussell bei den Business-Anwendungen weiter drehen werden: “Wir erwarten, dass Microsoft bald weiter handverlesene Technik kauft, und zwar billig und leise.”

Bei der Unternehmensberatung J.D. Edwards sieht man das ähnlich. So sagte CEO Bob Dutkowsky gegenüber US-Medien: “Wenn ein Unternehmen feststellt, dass es bestimmte Fähigkeiten benötigt, wird es diese Lücken jetzt entweder über Partnerschaften, über Akquisitionen oder aber durch Eigenentwicklung zu schließen versuchen.” Der Weg, den Großunternehmen dabei beschritten, stehe in Zusammenhang damit, wie die Produkte am schnellsten auf den Markt gebracht, die Umsätze also am besten generiert werden könnten.

Parallel dazu, so macht Aberdeen-Fachmann Alschuler auf einen Seitenaspekt aufmerksam, hätten die Großunternehmen aber immer noch finanzielle Kapazitäten für Forschung und Entwicklung. “Während alle anderen Anbieter am Boden liegen, haben diese Firmen immer noch genug Reserven, um beachtlich in ihre eigenen Produkte zu investieren.” Das führe seiner Ansicht nach auch dazu, dass sich nach dem CRM-Hype einige Spieler auf ein und demselben Feld einfinden würden, die vordem in verschiedenen Ligen gespielt hatten. “Der Shake-out, der jetzt begonnen hat, wird beispielsweise aus Oracle, SAP und Peoplesoft hervorragende direkte Gegner machen”, so Alschuler.

Die Übernahmekandidaten sieht er auch schon klar vor sich: “Die Unternehmen, die ihre Technik um den J2EE-Standard oder Dotnet herum aufgebaut haben, sind die interessantesten Akquisitionspartner.” Objektorientierte Programmiersprachen gelten demnach auch hierbei als Qualitätsmerkmal.

Von der unternehmerischen Seite aus seien vier bis fünf Jahre alte Software-Start-ups die wahrscheinlichsten Appetithappen für die Großen. Sie hätten zum Teil nach mehreren Runden der Wagniskapitalfinanzierung vor 18 bis 12 Monaten auf einen Börsengang gehofft; dieser sei meist aufgrund der Finanzmarktsituation verschoben worden. Alschuler prophezeit: “Bevor diese Firmen noch eine Kapitalrunde erhalten, werden sie eher geschluckt, gehen pleite oder verkaufen nur noch nach dem Preisdiktat der anderen.”

silicon meint: Wo sind die Analysten geblieben, die immer so laut tönten, dass eine konsequent branchenspezifische Ausrichtung eines Tages auch die Software-Großkonzerne in Bedrängnis bringen würde? Während manche kleinen Anbieter aufgeben und sich schon für die Übernahme durch ein Großanbieter schminken, sollten die Mittelständler, die an ihr Produkt glauben, aber ruhig und planvoll weitermachen. Stabilität und Erfolg in stürmischen Zeiten kommen schließlich nicht daher, dass man auf jeden x-beliebigen Zug aufhüpft.