Katzenjammer bei Napster: Bertelsmann darf nicht kaufen

Management

Dem neuen Bertelsmann-Chef scheint es nur Recht zu sein …

Das Katzengesicht mit Kopfhörer, das Logo von Napster, wird wohl bald von der Bildfläche verschwinden. Zumindest hat der einzige Interessent zur Übernahme des insolventen Unternehmens, der deutsche Medienriese Bertelsmann, eine Abfuhr bekommen. Ein Konkursrichter im US-Staat Delaware hat am Dienstag den Verkauf der früheren Musiktauschbörse an Bertelsmann untersagt. Der Jurist hatte Bedenken wegen der engen Verbindungen von Napster-Chef Konrad Hilbers zu beiden Unternehmen und einem möglichen Interessenskonflikt.

Medienberichten zufolge zeigte sich der jetzige Napster-Chef und frühere Bertelsmann Manager Hilbers sehr enttäuscht darüber. “Die Gläubiger müssten auf beträchtliche Rückzahlungen verzichten, und das Unternehmen wird vermutlich zur Auflösung gezwungen sein,” resümierte der Spitzenmanager. Wie die New York Times berichte, hat er bereits seinen Rücktritt angekündigt. Eine Sprecherin bestätigte, dass Napster den Großteil seiner 42 Angestellten bereits freigestellt habe.

Ganz nach dem Motto “Es hat eben nicht sollen sein” ist Bertelsmann über die Entscheidung der Justiz nicht wirklich unglücklich. Dafür gibt es mehrere Gründe: Tatsächlich weht der Wind bei Bertelsmann seit der Absetzung von Thomas Middelhoff aus der entgegengesetzten Richtung. Dessen Nachfolger Gunter Thielen hat ganz andere Vorstellungen von der künftigen Rolle des Medienkonzerns: Online-Geschäfte gehören auf jeden Fall nicht unbedingt dazu.

Auch ist der einstige Internet-Stern Napster ohnehin schon erloschen. Das bisschen Rest-Glimmer hätte den Medienkonzern noch immer Millionen gekostet. Zu viel, wenn man bedenkt, dass Bertelsmann in die kleine Firma bereits 80 Millionen Dollar investiert hat. Zu ihrer besten Zeit gingen etwa 60 Millionen Nutzer weltweit über die Internet-Musiktauschbörse dem Spaß nach, Audio-Files zu tauschen. Seit einem Jahr aber, eine Ewigkeit im Internetzeitalter, steht Napster still. Auch, so scheint es, tröstet der Halbjahresbericht Bertelsmann über etwaige Depressionen nach der geplatzten Übernahme hinweg. Das internationale Medienunternehmen hat in den ersten sechs Monaten des Jahres 2002 eine deutliche Ergebnissteigerung bei rückläufigen Umsätzen erzielt.

So hat der Konzern eigenen Angaben zufolge im ersten Halbjahr 2002 einen operativen Gewinn von 157 Millionen Euro erreicht, während der Jahresüberschuss auf 1,63 Milliarden Euro anstieg. Die Gewinnzunahme resultiert dabei unter anderem auf stark reduzierte Internet- und Restrukturierungsaufwendungen, sowie Gewinne aus dem Verkauf der letzten Tranche von AOL-Europe-Anteilen, meldet Bertelsmann. Laut Vorstandschef Gunter Thielen wolle man sich künftig wieder auf das Stammgeschäft konzentrieren. Der Gestaltung des Musikgeschäfts soll auf jeden Fall keine Aufmerksamkeit mehr geschenkt werden, heißt es. Und auch beim E-Commerce wird es Kürzungen geben.

Wie es heißt, soll sich die Direct Group des Medienkonzerns aus dem Online-Buchhandel vollständig zurückziehen. Demnach würden für die BOL-Geschäfte in Deutschland, den Niederlanden und der Schweiz Ausstiegsoptionen geprüft. Insiderberichten zufolge gibt es wegen des angestrebten BOL-Verkaufs bereits erste Annäherungen mit Konkurrent Amazon.

silicon meint: Egal wie der Richter entscheiden hat: Die Zukunft vom Internetliebling Napster wäre in jedem Fall düster. Durch die Übernahme von Bertelsmann wäre in der Firma kein Stein auf dem anderen geblieben. Außerdem haben sich die meisten Napster-Nutzer ohnehin schon längst der nächsten leistungsfähigeren Generation von Musik-Tauschbörsen wie Kazaa oder Gnutella zugewandt. Neben vielen anderen geschäftsschädigenden Faktoren hat auch die verlorengegangene Zeit Napster das Genick gebrochen.