Mainframe-Fachkräftemangel macht Riesenbabys elternlos

Management

Junge Informatiker mögen keine alten Dinosaurier

Schon bei einem Blick auf die Studienzahlen zeigt es sich: Mainframes sind out. Nur noch eine Handvoll Universitäten im Bundesgebiet lehrt heute Techniken wie CICS, DB2, PL/1 oder IMS. Aber auch in den kommenden Jahren wird kaum ein Rechenzentrum oder Großunternehmen ohne die Giganten denkbar sein, meinen Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft.

So haben sich die komplexen Großrechnersysteme als leistungsfähig, robust und hochgradig skalierbar erwiesen. Mainframe-Umgebungen beschreiben Branchenkenner als sehr komplex, weil sie viel Businesslogik enthalten und über Jahre gewachsen sind. Oft sei auch der Quellcode der Betriebssysteme nicht mehr verfügbar.

Andererseits, so beobachten die Mitarbeiter des IT-Projektvergabe-Portals Gulp, seien Programmierer mit Mainframe-Kenntnissen dünn gesät. “Dass mussten viele Unternehmen zuletzt bei der Jahr-2000-Umstellung schmerzlich feststellen”, fasst Unternehmenssprecher Stefan Symanek zusammen. “Vor allem im Bereich der Anwendungsintegration geht praktisch nichts ohne Mainframes – immerhin liegen bis zu 70 Prozent der unternehmenskritischen Daten dort.”

So zählt das Portal bei seinen 34 831 eingetragenen IT-Profis unter den aktiven PL/1-Experten ein Durchschnittsalter von 45 Jahren. Über 36 Prozent sind Jahrgang 1950 oder älter. Java-Entwickler seien aber zum fast ebenso großen Anteil (38,1 Prozent) Jahrgang 1970 oder jünger. Ähnlich die Situation bei den Spezialisten für das Betriebssystem BS/2000 von Siemens.

Das Durchschnittsalter liege hier zwar auch um die 45 Jahre, doch nahezu ein Viertel dieser Großrechner-Experten sei älter als 55 Jahre. “Die ältesten im Projektgeschäft tätigen BS/2000-Profis haben bereits das Renteneintrittsalter von 65 Jahren überschritten, bringen aber ihr Wissen aus teilweise 44 Jahren EDV-Berufserfahrung mit in ein IT-Projekt”, so Symanek.

Folgerichtig zeichnet er ein Horrorbild für die kommenden fünf Jahre: Gerade im freiberuflichen Feld verabschiedeten sich im Schnitt 10 bis 15 Prozent der Mainframe-Experten verschiedener technischer Couleur in die wohlverdiente Rente – von Nachwuchs kaum ein Spur.

Den jungen Informatikern würde Mario Henzler, Marketingleiter bei der Mannheimer IT-Projektvermittlungsagentur Ascena, aber gerade nicht zum Mainframe-Studium raten. “Ich kann niemandem guten Gewissens raten, etwas zu lernen, was immer weniger nachgefragt wird”, sagte er im Gespräch mit silicon.de. Dies sei schließlich seine Beobachtung bei einem Blick in die 42 000 Profile umfassende IT-Profi-Kartei von Ascena.

So sei noch in der Phase vor der Jahrtausendumstellung und bei der Euro-Umstellung Ende vergangenen Jahres eine geradezu panische Nachfrage nach Mainframern zu beobachten gewesen. “Fast jedes Unternehmen hat damals ein Projekt für die Architektur gestartet – seitdem ist die Nachfrage stark eingebrochen”, so Henzler.

Die Profis in seiner Freiberufler-Datenbank sind in den vergangenen Monaten vor allem durch die Entlassungen bei IBM und aufgrund von Frührenten-Angeboten dort gelandet. Derzeit, weiß Henzler, würden sie dann aber oft nur für einfache Tätigkeiten angefordert: “Maintenance, Pflege und Anpassung, wenn beispielsweise im Bankenbereich neue Gesetze Nachbesserungen verlangen – das sind die Aufgaben.”

Auch er schloss aber nicht aus, dass sich dies in den kommenden zehn Jahren ändern könne. “Wir haben es hier mit einer sehr stabilen Architektur zu tun, die ja auch für Web-Systeme wieder aufgenommen wird – auch hier gibt es ja einen Trend zur Zentralarchitektur, vom Speicherumfeld ganz zu schweigen”, führt er an.

So könne es durchaus passieren, dass der jetzt vorhandene Pool an Frührentnern, die sich ein Zubrot bis zum Rentebeginn verdienen, nicht mehr ausreiche und eine starke Personalknappheit auf die Unternehmen zukomme. “Natürlich sollten Mainframe-Kenntnisse nicht in Vergessenheit geraten, aber akuten Mangel an Fachwissen kann ich derzeit nicht feststellen.”

silicon meint: Jedes seriöse Unternehmen geht so vor: Solange die Maschine beim Kunden läuft, muss ich auch den Support und die Ersatzteile stellen. Statt nun dem Schweinezyklus immer ganz knapp hinterher zu laufen, sollten sich die Hochschulen als Avantgarde begreifen, und dem Fachwissen-Mangel aus biologischen Gründen mit einer richtigen Ausbildungsstruktur jetzt vorgreifen – wäre doch zu schön, wenn die Ingenieure genau dann mit dem Studium fertig sind, wenn sie im Markt gebraucht werden!