Oracle-Migration reißt Millionenloch in Agilents Bilanz

Management

Peinliche Projekt-Bauchlandung

Der Meßtechnik-Spezialist Agilent, eine Ausgründung aus dem HP-Konzern, hat in den USA weit höhere Quartalsverluste ausgewiesen als erwartet. Eine schwierige Migration auf ERP-Systeme von Oracle hat nach Unternehmensangaben zum Verlust von 105 Millionen Dollar Umsatz geführt. So viel erwirtschaftet Agilent in einer durchschnittlichen Betriebswoche und hätte damit rund 70 Millionen Dollar operative Gewinne einfahren können.

Zwischen Mai und Juni, dem dritten Quartal in Agilents Geschäftsjahr, sind demnach insgesamt Verluste von 228 Millionen Dollar aufgelaufen, die das Minus im Vorjahreszeitraum noch um 3 Millionen Dollar übersteigen. Offenbar hätte sich der Hersteller mit einer gesteigerten Effizienz aber wohl recht gut schlagen können, denn gleichzeitig war der Quartalsumsatz um 24 Prozent von 1,83 auf 1,39 Milliarden Dollar geschrumpft. Die Bemühungen um Kostenreduzierung sind so wohl von einem Migrations-Desaster bei Agilent zunichte gemacht worden.

Beide Unternehmen, sowohl Oracle als auch Agilent, sind bemüht, den Ball flach zu halten. “Wir machen Oracle nicht für die Probleme verantwortlich”, so Sprecherin Michele Drake. “Unserer Meinung nach hätten wir mit den Schwierigkeiten auf jeden Fall zu kämpfen gehabt, ganz egal mit welchem Softwarelieferanten wir zusammengearbeitet hätten. Die Migration von den zuvor bestehenden Systemen war einfach zu komplex.”

Allerdings wohl auch komplexer, als Agilent eingeplant hatte. Beim Projektstart im vergangenen Jahr muss allerdings klar gewesen sein, dass die konzernweit rund 2200 unterschiedlich konfigurierten Systeme nicht ohne weiteres zusammengeführt werden können. Unmittelbares Ziel war es, damit die Kosten für den Support zu senken.

In einer Mitteilung von Oracle heißt es nun, dass kein Kunde alleingelassen werde mit seinen Problemen. “Beide Unternehmen sind zuversichtlich, dass die Installation jetzt stabil läuft und dass die Anforderungen des Kunden Agilent damit erfüllt werden.”

Mit der ERP-Software von Oracle wickle Agilent inzwischen alle finanziellen Vorgänge ab, sagte CEO Ned Barnholt in einer Pressemitteilung. “Die Störungen, die wir durch die Konsolidierung erfahren haben, waren umfangreicher als wir erwartet hatten.”

Agilent will eigenen Angaben zufolge mit Umbaumaßnahmen auf absehbare Zeit jährlich 1,2 Milliarden Dollar Kosten einsparen. In den kommenden Quartalen soll vor allem der Bereich Telekommunikation jeweils 50 Millionen Dollar Sparerfolg erbringen.

Silicon meint: Im Klartext: Das Risiko, durch ein ERP-Projekt Schaden in Höhe von einer Woche Umsatz zu erleiden, ist derart existenzbedrohend, dass sich die Verantwortlichen bei Oracle schon fragen lassen müssen, ob sie ihren Kunden hier im Vorfeld richtig beraten haben. Aber wer mehr als 2000 Einzelbausteine konsolidieren muss und das nicht richtig vorbereitet, dem muss die ganze Sache eben auch um die Ohren fliegen.