ICANN bricht Demokratisierung ab

Management

Kritiker sind aus dem Weg geräumt

Der Versuch, die internationale Internet-Verwaltung ICANN (Internet Corporation for Assigned Names and Numbers) zu demokratisieren, ist endgültig gescheitert. Die gewählten Direktoren, die ohnehin nur eine beratende Stimme hatten, haben das Gremium zum Ende ihrer Amtszeit verlassen.

An ihre Stelle treten Direktoren, die ernannt werden, sowie beratende Gremien aus den Regionen. Der scheidende europäische Vertreter, der Deutsche Andy Müller-Maghun, warnte vor zu großem Einfluss von Wirtschaft und Politik. Die Anwender könnten sich in Zukunft nicht mehr ohne weiteres Gehör verschaffen.

Damit ist ‘ICANN II’ und die Beteiligung der Internet-Nutzer an den Entscheidungen der DNS-Verwaltung (Domain Name System) schon drei Jahre nach der Einführung Makulatur. Das Projekt war während der Amtszeit der Clinton-Regierung angeschoben worden. Der Australier Paul Twomey trat im März als Präsident der ICANN an, um die Organisation grundlegend zu reformieren.

Neben Maguhn verlässt auch der US-Amerikaner Karl Auerbach den ICANN-Vorstand. Er warnte auf der Tagung der Organisation in Montreal davor, die ICANN werde die Bodenhaftung verlieren, die Bedürfnisse der Internetnutzer würden in den Hintergrund gedrängt.

An die Stelle der gewählten ‘At-Large’-Direktoren mit beratender Stimme sollen nun also Regionalvertretungen (Regional At Large Oranisations, kurz ‘Ralo’) treten. Sie sollen nach Vorstellung der ICANN beispielsweise die in Europa aktiven Einzelorganisationen bündeln. Allerdings sollen nur solche Gruppen oder Organisationen Mitglied der geplanten ‘Euralo’ werden dürfen, die sich zuvor von der ICANN erfolgreich zertifizieren lassen.

Der frühere Telekom-Manager Hagen Hultzsch, neu in den ICANN-Vorstand gewählt, kann diesem Modell mehr abgewinnen. Die direkte Mitsprache von direkt gewählten Direktoren sei nicht sinnvoll, so Hultzsch. Schon im vergangenen Jahr hatte die ICANN den jetzigen Weg eingeleitet und beschlossen, künftig keine weiteren Wahlen durchführen zu lassen. Auerbach hält dagegen, die neue Struktur sei viel zu überladen und biete zu wenig Einflussmöglichkeit. “Ich fürchte, dass es scheitern wird.”

Schon jetzt werden die Direktorenposten wie der von Hultzsch von einem Nominierungskomitee der ICANN besetzt. Mit ihm traten am Wochenende sechs weitere Direktoren ihre Arbeit an.

In der öffentlichen Diskussion taucht die ICANN meist durch ihre Entscheidungen zu neuen Top-Level-Domains auf. Bei der Vollversammlung der ICANN wurden jetzt weitere drei TLDs zum weiteren Entscheidungsprozess zugelassen. Unternehmen und Personen im Rechtsbereich könnten nach Abschluss der erfahrungsgemäß jahrelangen Verhandlungen auch Domains unter ‘.law’ registrieren lassen. Ähnliche Vorschläge gibt es für die Reisebranche und den Gesundheitssektor, ‘.travel’ und ‘.health’.

Ihren Einfluss spielt die ICANN eigentlich in anderen Bereichen aus. Vor allem wenn es um den Einfluss der Politik auf das Web geht oder etwa um die Überwachung des Datenverkehrs, hatten sich allerdings viele Nutzer eine aktivere Vertretung ihrer Interessen durch die ICANN erhofft.

Auerbach und Maguhn verlassen den ICANN-Vorstand zum regulären Ende ihrer Amtszeit. Sie hatten im November 2000 ihre Arbeit aufgenommen. Das Gremium dankte ihnen und neun weiteren Kollegen für ihre Arbeit und insbesondere Maguhn für seinen Einsatz für die Interessen der Anwender. Er wird auch weiterhin das Datenschutz-Komitee der ICANN leiten.