Amerikaner suchen internationale Hilfe gegen Spam

Management

Wachsender Werbemüll gefährdet Produktivität der Unternehmen

Die wachsende Flut von unverlangten Werbemails, kurz Spam, bringt Wirtschaft und Politik immer näher zusammen. In den USA kristallisieren sich mehrere Initiativen heraus, die sich auch über die Landesgrenzen hinweg auswirken sollen.

In der Bundesrepublik soll sich nach dem Willen von Eco-Verbandsschef Harald A. Summa eine ‘Task Force’ der größten Internet-Serviceprovider bilden. Anders könne dem Spam-Problem nicht mehr begegnet werden. Während damit die Filtertechniken und ‘schwarzen Listen’ der Anbieter koordiniert und verknüpft werden, schlägt auch Summa jetzt eine zweite Strategie vor: Es müssten die gesetzlichen Grundlagen geschaffen werden, um die Versender strafrechtlich zu verfolgen. Trotz der einzelnen Prozesserfolge großer US-Provider wie AOL oder Earthlink sind die Aussichten auf ein effektives Spam-Verbot eher dürftig – auch deshalb, weil die Vorstellungen zu den künftigen Spielregeln in Europa noch wenig ausgereift sind.

Dabei wird das Problem hierzulande schon bald so dramatische Auswirkungen haben wie in den Vereinigten Staaten. Die bundesdeutschen Verbraucherzentralen kommen in ihrer Schätzung auf 500 Millionen Spam-Mails pro Woche. Nachdem die Gesamtzahl gerade in den vergangenen Wochen drastisch angestiegen ist, besteht inzwischen jede Dritte oder sogar jede zweite Mail aus Werbemüll.

Umfragen zufolge fühlen sich 44 Prozent der deutschen Netznutzer von Spams “stark belästigt”. Und obwohl rund 60 Prozent der Spam-Versender in den USA sitzen, lohnt sich der Versand von Angeboten für Kredite, Medikamente oder Porno-Websites offenbar auch in Europa.

Die deutschen Unternehmen und Verbände schielen deshalb schon in die USA und beobachten mit großem Interesse, wie sich die Diskussion über dem großen Teich entwickelt. Die Marktforscher von Ferris Research haben gerade mit ihrer aktuellen Studie CIOs und Politiker aufgerüttelt: Demnach verlieren die US-Unternehmen inzwischen 10 Milliarden Dollar, weil ihre Mitarbeiter durch Spams Arbeitszeit verlieren und unproduktiver werden.

Microsoft-Chairman Bill Gates hat deshalb dem zuständigen Senatsausschuss in dieser Woche vorgeschlagen, sowohl mit Gesetzen als auch mit Initiativen zur Selbstregulierung der Werbeindustrie gegen Spams vorzugehen. Demnach könnten Versender von Mails gezwungen werden, sich dem Empfänger gegenüber eindeutig zu identifizieren.

Außerdem könnte Werbeversendern auferlegt werden, ihre Mails mit dem Kürzel ‘adv’ in der Betreffzeile zu kennzeichnen, schlägt Gates vor. Der Anwender könnte sich dann entscheiden, ob er die ‘Advertisements’ von Unternehmen lesen will, oder ob er sie sofort ungelesen löschen oder in einen separaten Ordner einsortieren lässt.

Damit geht der Softwarehersteller, der sich immer mehr als Multiplayer versteht, einen Schritt auf die zahlreichen Marketing- und Werbekunden zu, die bis vor wenigen Jahren ausschließlich Briefe verschickt haben und den Mailversand als legitime Erweiterung ihrer Geschäftstätigkeit betrachten.

Die beiden Senatoren Conrad Burns und Ron Wyden gehen in ihren Vorschlägen noch weiter: Sie wollen irreführende Betreffzeilen schlicht und einfach verbieten, wollen funktionierende Antwortadressen vorschreiben und die Versender dazu verpflichten, auf Bitte des Verbrauchers eine Mail-Adresse aus ihrer Datenbank zu streichen. Senator Charles Schumer hat darüber hinaus eine landesweite ‘Robinson-Liste’ ins Spiel gebracht, in der die Internet-User ihre Mail-Adresse hinterlegen könnten, wenn sie keinerlei Werbemails empfangen wollen.

Alle Vorschläge dienen also dazu, zum einen die Marketing-Unternehmen auf gewisse Spielregeln zu verpflichten, um sie nicht ihrer Geschäftsgrundlage zu berauben. Zum anderen wollen die Politiker den Strafverfolgungsbehörden gleichzeitig die Mittel in die Hand geben, um die eigentlichen wilden Spamer belangen zu können.

Vor allem Schumer hat im US-Senat aber darauf hingewiesen, dass es Zeit für eine internationale Zusammenarbeit im Kampf gegen Spams wäre. “Sobald wir hier unsere Bestimmungen verschärfen und gegen Spamer vorgehen, werden diejenigen, die unsere Gesetze missachten wollen, eben ins Ausland abwandern.”

Dafür wird es höchste Zeit: Denn nach Schätzungen des Filtering-Spezialisten Brightmail wird der Anteil von Spams am gesamten Mail-Aufkommen in den USA von derzeit 46 Prozent bis Ende des Jahres auf 50 Prozent ansteigen. Vor zwei Jahren waren es noch 7 Prozent.

silicon meint: Angesichts der außenpolitischen Alleingänge der Bush-Regierung mag mancher in Europa etwas gehässig lächeln, wenn die Politiker auf dem Capitol Hill nun plötzlich wegen Spams nach internationaler Kooperation rufen. Aber sie haben ja recht: Das Problem lässt sich nur mit einem Geflecht von Regelungen angehen, die länderübergreifend aneinander anknüpfen. Aber so schnell wie der elektronische Schrott in den Mail-Fächern angewachsen ist, so schnell wird er dadurch nicht einfach wieder verschwinden. Es wird ein zähes, langwieriges Ringen werden. Denn viel zu spät werden erst jetzt die Marketing-Agenturen in die Diskussion mit einbezogen, die durchaus legitime Interessen vertreten. Viel zu spät kommt die Mehrfachstrategie von gesetzlichen Regelungen, Selbstregulierung in der Marketingbranche und technischen Maßnahmen. Fazit: Hier lässt sich viel lernen über die Notwendigkeit von Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Politik.