Der CIO soll sich selbst entmachten

Management

Business Value abliefern, aber anders

“Welchen Wert liefert die IT im Unternehmen?” Diese – zugegeben – klassische Frage müsse heute ganz anders beantwortet werden, als noch vor ein oder zwei Jahren, meint John Mahoney, Vice President beim Marktforscher und IT-Benchmark-Spezialist Gartner Group. Denn: Die Position des IT-Verantwortlichen habe sich grundlegend verändert.

“Die ITler haben mit dem Ende des Dotcom-Booms ganz gewaltig an Glaubwürdigkeit eingebüßt”, analysiert Mahoney im Vorfeld des jährlichen Gartner-Symposiums in Florenz. Davor sollte das Management nicht die Augen verschließen, rät er. Denn auch, wenn die Technologien ihre Versprechen einhalten könnten, werde IT in allen anderen Unternehmensbereichen heute anders wahrgenommen, als noch vor zwei Jahren. “Der ganze technische Fortschritt in der IT hat uns nicht wesentlich weitergebracht, das ist die weit verbreitete Auffassung.”

Hinzu komme, dass die IT inzwischen immer schlechter an die veränderten Strukturen im Unternehmen angepasst sei, so Mahoney im Gespräch mit silicon.de. “Dadurch hat die IT deutlich an Einfluss eingebüßt, was sich mit der Zeit auch auf das Fortkommen, die Karrieren von IT-Experten auswirkt.”

Verkehrte Welt: Gleichzeitig bekommen die Entscheider und Macher aus der IT-Abteilung auch gesagt, dass es “IT-Projekte” gar nicht gibt, sondern nur “Business-Projekte”. “IT ist nur Mittel zum Zweck und das muss sich in Zukunft auch in einer veränderten Beziehung zwischen IT und Unternehmens-Abteilungen niederschlagen”, so Mahoney.

“Die IT-Leute sollten damit anfangen, ihre Projekt-Herrschaft aufzugeben und IT-Projekte in die Hände derer legen, die damit ein Problem lösen”. Erhebungen von Gartner zufolge werden 60 Prozent aller Projekte heute von den Abteilungen angestoßen und nicht mehr von der IT. “Die Kontrolle über Technologie-Entscheidungen ist längst aus dem IT-Terrarium heraus und in die Hände der Unternehmens-Öffentlichkeit gewandert”, hat Mahoney beobachtet. “Und deshalb macht es keinen Sinn mehr, wenn sich die ITler daran klammern.” Voraussetzung: “Die IT-Leute müssen die Sprache ihrer Kollegen in allen anderen Abteilungen lernen, nur so kann es funktionieren.”

Der Gartner-Analyst empfiehlt dem klassischen CIO deshalb, sich an seinem Finanzkollegen zu orientieren: Der CFO verfüge in der Regel schließlich auch über kein nennenswertes Budget und habe trotzdem enorm großen Einfluss auf das Unternehmen.

Als ersten Leitfaden für den kulturellen Umbruch im Verhältnis ‘IT zu Unternehmen’, den er fordert, hat Mahoney einen Zehn-Punkte-Plan aufgestellt. Neben dem Appell zu mehr Sorgfalt und zu einer kontinuierlichen Überprüfung der Ziele finden sich darin aber auch handfeste Tipps: Der CIO oder IT-Verantwortliche sollte heute mehr die Rolle eines Politikers einnehmen, der wenig Kontrolle habe. Der Schlüssel zu mehr ‘Business Value’ der IT sei es, die Verantwortlichkeiten innerhalb von Projekten klar zuzuweisen. Das berge auch die Chance, Vertrauen in die IT zurückzugewinnen.

Und schließlich: “Man muss wissen, wann man aufhören muss.” Mohoney plädiert dafür, dass IT-Vorhaben nach spätestens 60 Tagen abgebrochen werden sollten, wenn sich ein messbarer Erfolg bis dahin nicht nachweisen lässt. “Das Management sollte sich durchaus darauf einstellen, dass sie über die kommenden zweieinhalb Jahre jedes vierte Projekt begraben müssen – wenn sie denn die Maßstäbe tatsächlich anlegen.”

silicon meint: “Kenn ich schon, das Geschwätz von IT und der veränderten Unternehmenskultur.” Das ist wohl der Standard-Reflex jedes CIOs, denn über das Thema ist wirklich schon genug geredet worden. Und trotzdem: Augen zumachen gilt nicht, wenn sich die Grundlagen so verändert haben, wie es die Gartner-Leute belegen. Schon allein die Frage, wie das Projekt-Know-how in Zukunft im Unternehmen gesammelt und genutzt werden kann, sollte nicht nur den CIO umtreiben.