Erholung im VC-Geschäft? Deutsche wagen die Selbsthypnose

Management

Business Angels flattern noch etwas unkoordiniert

Der wirtschaftliche Knick des letzten Jahres ist in den Statistiken der Venture-Capitalisten (VC) deutlich sichtbar: Bis zum Ende des dritten Quartals 2002 wurden in Deutschland 1,7 Milliarden Euro Wagniskapital investiert. Bis zum Jahresende schätzen die Insider ein Überschreiten der 2,5-Milliarden-Marke als realistisch ein. Doch das ist deutlich weniger als die VC-Investitionssumme im Gesamtjahr 2001: da waren es noch satte 4,4 Milliarden Euro.Die Gründe dafür sind laut Werner Schauerte, Managing Partner bei der Deutschen Venture Capital AG, vielfältig. “Eine Kombination aus mangelndem Cashflow, also zu wenig Kapital, mangelnder Nachfrage der Investoren, zu wenig Unternehmensgründungen und – auch das ist wahr – einer leichten Sinnkrise unter den VCs selbst,” sei dafür verantwortlich zu machen.

Am Beispiel der Deutschen Venture Capital AG (DVC) lässt sich relativ gut ablesen, wie es der deutschen Wagniskapitalbranche und auch dem Start-up-Geschäft geht. Das Unternehmen gilt als einer der Hauptinvestoren hierzulande und ist Teil des Netzwerkes der Deutschen Bank.

Logischerweise sprachen die Managing Partner der DVC kürzlich nur ungern davon, wie sehr sich das jährliche Investitionsvolumen in Deutschland im letzten Jahr zurückentwickelt habe. Lediglich das Niveau von 1998 habe die Venture-Capital-Landschaft jetzt, weiß Schauerte zu berichten. “Selbstverständlich gab es auch bei uns einen Einbruch im Geschäft.”

Was geht?

Immer noch gute Aussichten auf eine Investitionsspritze haben aber seiner Ansicht nach die technologiegetriebenen Gründungen aus Universitäten heraus. Auch Maschinenbau- und IT-Abspaltungen von etablierten Großbetrieben, Automatisierung, Robotik und alles, was mit Fabrikationsoptimierung zu tun hat, ist laut Schauerte potentieller Millionen-Empfänger.

Auch Softwareunternehmen und die Biotechnologiesparte sollen ihr Quäntchen abbekommen. Er warnt allerdings etwas vor dem gerne geförderten Feld der Industrie-Spinouts. Schauerte: “Oftmals leben die neuen Unternehmen hier vom guten Namen des Elternhauses – nur wenige von ihnen bleiben selbständig und können sich gegen Re-Integration in die Mutter oder das Geschlucktwerden durch einen anderen Hai behaupten.” Diese Tatsache werde von vielen Investoren zu ungenau abgeschätzt.

Geld-Fresser platzen gern

Allerdings ist sich Schauerte sicher, was nicht abheben wird: Die von ihm so genannten “Modebranchen” wie Nanotechnik, Bionik, Mikro-Systemtechnik und Neue Materialien. Hier blieben die Sektoren seiner Beobachtung nach auf “extrem geringem Niveau” – und das, obwohl extrem viel Geld in die entsprechenden Unternehmen gepumpt wurde. Schauerte prägt dazu den Satz: “Es nützt nichts, wenn man 5 Jahre vor einer kommenden Welle schwimmt.”

Sicher ist er sich auch, dass der VC-Markt nicht dasselbe Schicksal erleiden wird wie die glücklosen Start-ups. DVC ist selbst kein besonders großer Mitspieler. Bei 8 bis 12 neue Unternehmen jährlich im Portfolio kann man nicht gerade von einer massenhaften Förderung sprechen – auch das jährlich hineingepumpte Kapital ist mit 1 bis 8 Millionen Euro relativ bescheiden.

Das aber, betont der Manager eines Unternehmens, das selbst im letzten Jahr eine Niederlassung in Frankfurt a. M. schließen musste, sei nicht entscheidend. Sondern: “Man muss zu den geförderten Unternehmen stehen – diese Kontinuität wird es sein, die den Aufschwung zurückbringt.”

Geld ist genug da

Seinen eigenen Kollegen bei Investmentgesellschaften aller Couleur rät er gerade in diesen trüben Investitionszeiten auch zu etwas mehr Mut. Er zitierte die bekannte Aussage von Verlegersohn und Manager Florian Langenscheidt, der einmal sagte: “In Deutschland wäre die Garagen-Klitsche von Microsoft-Gründer Bill Gates vom Gewerbeaufsichtsamt verboten worden.” Will heißen: “Deutschland muss das Image vom “Wagnislos-Kapitalmarkt” loswerden und zum Wagniskapitalmarkt werden”, heißt es bei der DVC.

Zugestehen will Schauerte aber der Investitionslandschaft, dass derzeit einfach sehr viel Geld anderweitig gebunden sei. Er und seine Co-Manager sprechen hier von “10-Mega-Fonds”, deren Zweck vor allem die Buyout-Geschäfte der kommenden Monate seien. Wie viel Geld nun tatsächlich nach Ansicht der DVC insgesamt “frei ist” in Deutschland, also derzeit für Investitionen zur Verfügung steht, sagte er nicht genauer.

Auch seine Aussagen dazu, wie viel Geld im deutschen Markt für die so interessanten Anschubfinanzierungen, also Start-up- oder Seed-Kapital, zur Verfügung stehe, bleiben schwammig. Etwa 25 bis 30 Prozent der verfügbaren Geldmasse des vergangenen Jahres sollen es gewesen sein. Und sei auch die Schätzgröße, an der sich der Markt orientiere. “Geld ist eigentlich genug da,” fasst er zusammen.

Drum prüfe, wer sich bindet

Entscheidend sei aber die Frage – wohin damit. Deshalb ist für ihn und seinen Kollegen Jörg Neermann, ebenfalls Managing Partner bei DVC, die Due-Diligence-Frage nicht so einfach zu beantworten. Neermann macht das am Beispiel klar. Zwar habe seine Firma jährlich im Durchschnitt etwa 2000 Business-Pläne “gesehen”. Allerdings bedeute dies definitiv nur, dass nur die Executive Summaries von diesen Unternehmen gründlich gelesen worden sind. Die erste Auswahlrunde, so betont er, “hat mit sehr viel Papier zu tun”.

Die zusammengefassten Geschäftsvorstellungen seien ausschlaggebend: “Die sind extrem entscheidend für das spätere Unternehmen – denn wer nicht auf fünf Seiten ein Unternehmen und seinen Erfolg skizzieren kann, schafft es auch nicht, nach Jahren und millionenschweren Finanzierungsrunden diesen Erfolg zu haben.”

Nach der ersten “Runde” treten deshalb nur etwa 10 Prozent der derart untersuchten Unternehmen erst in die tatsächliche Due-Diligence-Phase ein und wiederum 40 Prozent davon, also vier Prozent der insgesamt eingesehenen Business-Pläne, finde dann die Zustimmung der Investoren und habe Zugriff auf den Geldtopf.

Gemeinsam stark

Doch nicht nur die geförderten Unternehmen seien auf Partner angewiesen, auch die VCs seien auf Zusammenarbeit angewiesen. Wie entscheidend hier inzwischen Partnerschaften geworden sind, lässt Neermanns Aussage vermuten: “Natürlich leiten wir Unternehmen, die nicht in unser Förderkonzept passen, an Konkurrenten weiter – man bildet hier durchaus auch mal Syndikate.” Voraussetzung sei aber hierbei, “dass es genügend und ausreichend qualifizierte VCs am Markt gibt. Einer allein schafft’s nicht.”

Am Konkurrenzkampf unter den Wagniskapitalgebern ändert das freilich nichts, denn: “Ein halbes Dutzend VCs in Deutschland, vielleicht ein Dutzend, sind genug.” Für diese gebe es auch derzeit genug zu holen. Auch im Wechselgeschäft. “Venture Capital ist ein Geschäft, das man mit wenigen Leuten macht.”