AOL-Chef Steve Case tritt ab

Management

Rätseln um Neuausrichtung des Online-Tankers

AOL-Chef Steve Case hat am Wochenende angekündigt, seinen Posten als Chairman der Onlinesparte aufzugeben. Bis zur Hauptversammlung des Konzerns im Mai soll ein Nachfolger gefunden sein.

Der Schritt kam überraschend, auch wenn sich Case in den vergangenen Monaten immer heftigerer Kritik von Aktionären und Analysten ausgesetzt sah. “Nachdem einige Anleger ihre Enttäuschung über die Unternehmensentwicklung nach der Fusion vor allem mir anlasten, habe ich mich entschieden, mit einem geeigneten Schritt das Management wieder zu einem Team zusammenzubringen, das sich voll und ganz auf die anstehenden Entscheidungen konzentrieren kann”, so Case in einer schriftlichen Mitteilung. Seit der Fusion haben die Aktien 70 Prozent ihres Werts eingebüßt.

Er wolle “Verwerfungen vermeiden”, gerade, da sich AOL Time Warner an einem kritischen Punkt seiner Entwicklung befinde. Das Werbegeschäft bleibt äußerst schwach und die Analysten äußern immer lautere Zweifel, ob sich AOL nicht zu sehr auf seine Abonnenten verlassen hat. Die aber wandern inzwischen gerne zur lokalen Konkurrenz ab, sowie zu MSN oder Yahoo. Den Einstieg ins Breitbandgeschäft hat Case offenbar nicht rechtzeitig geschafft. Und schließlich wird AOL Time Warner vermutlich im vierten Quartal einen Großteil der Fusionskosten als Verlust abschreiben.

Vor knapp drei Jahren hatte Case angekündigt, den alt eingesessenen Medien- und Verlagskonzern Time Warner zu übernehmen. Anfang 2001 wurde die Fusion der beiden ungleichen Unternehmen dann für 106 Milliarden Dollar vollzogen. Seitdem gibt es aber immer wieder Berichte über Schwierigkeiten zwischen den beiden Lagern.

Nachdem AOLs CEO Gerald Levin durch Richard Parsons ersetzt wurde, verließ auch COO Robert Pittmann das Unternehmen. Inzwischen haben mehrheitlich wieder die Manager aus dem Time-Warner-Lager das Sagen.

Case, gebürtig in Honolulu, hatte America Online vor 18 Jahren im Jahr 1985 mit gegründet. Zehn Jahre später zeichnete sich mit der aggressiven Marketingstrategie ab, dass der Dienst zum weltgrößten Internetzugangsprovider werden könnte. Frühe Konkurrenten wie Compuserve konnte das Unternehmen so in die Knie zwingen und schließlich schlucken.

Niederlagen oder ein Rückzug von einem wichtigen Posten waren bei Case bisher die absolute Ausnahme. Sein Internetdienst ist mit 34 Millionen Kunden weltweit aber immer noch die Nummer Eins.

silicon meint: Das Problem bei AOL Time Warner ist nicht, dass die Medien- und Online-Maschine zu viele Manager hätte, sondern genau einen zu wenig. Einen, der Steve Case auch nach außen ebenbürtig wäre und gemeinsam mit ihm an einer Strategie basteln könnte. AOL Time Warner ist ein Beispiel, wie man’s nicht machen sollte. Möglicherweise hat sich ja Hewlett-Packards Carly Fiorina dort einiges abgeschaut und die Querelen wenigstens nicht öffentlich ausgetragen. Immerhin ein Gewinn.