Ohne Vertrag: EDS annektiert IT-Mitarbeiter von Alstom

Management

IT-Belegschaft verwirrt – wer ist ihr Arbeitgeber?

Der IT-Dienstleister EDS scheint seine Vorfreude über einen Outsourcing-Vertrag mit dem europäischen Industrieunternehmen Alstom kaum mehr zügeln zu können. Dabei geht es um die komplette Übernahme der IT mit allen Mitarbeitern und Assets.

So hat CEO Dick Brown sich vor kurzem erlaubt, allen IT-Mitarbeitern von Alstom in Deutschland einen Willkommensgruß für EDS-Neulinge per Mail zukommen zu lassen. Und das, obwohl sich EDS zu diesem Zeitpunkt noch lediglich als “Preferred Bidder” (bevorzugter Anbieter) in Vertragsverhandlungen mit Alstom befand und diese Verträge nach Aussagen beider Unternehmen frühestens im kommenden Frühjahr dingfest gemacht werden sollen.

In dem silicon.de zugespielten Papier heißt es beispielsweise: “In den kommenden Wochen werden wir keine Mühen scheuen, Sie mit unserem weltweiten Team bekannt zu machen und Sie in die EDS-Gemeinschaft einzuführen.” Und weiter: “Ich freue mich sehr darauf, mit Ihnen zusammen zu arbeiten, wenn wir Alstom gemeinsam zu neuen Höhen der Industrie-Marktführerschaft geleiten werden.”

Der erstaunte IT-Mitarbeiter, der offensichtlich bis zum zweiten Quartal 2003 zwei Herren dienen soll, erfährt aus dem mit “Dear Colleague” (Lieber Kollege) betitelten Schreiben außerdem, er solle sich auf einer eigens für die Alstom-ITler gebauten EDS-Website über seinen neuen Arbeitgeber informieren. Unter den gemeinschaftlich vereinten Logos beider Unternehmen wird er dort zunächst von Client Executive Martin Fry begrüßt, der in die EDS-Vergangenheit und -Gegenwart einführt.

Dreizehn anonym gehaltene Mitarbeiter verschiedener Unternehmen, die bereits Abteilungen an EDS verkauft haben, geben dem Alstom-Angestellten dann einen denkbar positiven Eindruck vom “Working and Living at EDS”, darunter auch “Martin, analyst and programmer for the EDS Citibank account in Germany”.

Eine weitere Rubrik gibt in Form von anbietereigenen Anwenderberichten einige Beispiele aus der Geschichte verschiedener Betriebsübergänge. Namentlich sind es die Abteilungen von Chevron, Bell South und Commonwealth Bank Group. Abgerundet wird die Informationsseite für den Mitarbeiter in spe durch Unternehmenskultur-Vorstellungen, Kundenaussagen und dem abschließenden Hinweis: “Informationen über länderspezifische Mitarbeiterbegünstigungen gehen Ihnen im Laufe des Übergangsprozesses zu.”

Udo Belz, Konzernbetriebsrat für Deutschland in der Mannheimer Alstom-Zentrale, ist empört: “EDS ist hier sehr forsch an unsere Mitarbeiter herangetreten.” Zwar steht für ihn außer Frage, dass “der Verkauf der Gesamt-IT von Alstom ins Haus” steht, allerdings betont er: “Der Konzern befindet sich immer noch in Vertragsverhandlungen.”

Er kritisiert jedoch nicht nur die hoffnungsvollen Neueigentümer: “All unsere Nachfragen bei Alstom waren bislang ergebnislos – mit Verweis auf angebliche Aktienmarkt-Gründe hält sich die Konzernführung uns und den Mitarbeitern gegenüber sehr bedeckt.” Zum Verlauf der Gespräche sagt er, der Betriebsrat habe vor dreieinhalb Wochen angefragt – im zuständigen Konzernwirtschaftsausschuss aber außer der Nebelkerze “Keine aktuellen Veränderungen” nichts von der Unternehmensleitung in Deutschland erfahren.

Eine Woche nach dieser Sitzung, so ließ Belz durchblicken, sei die Information über die geplante Verbindung aber schon durch die Presse und damit durch alle Flure gegangen. Eine wiederholte Nachfrage habe ebenfalls zu keinerlei Ergebnis geführt. Allerdings habe sich auch die IT-Leitung noch nicht genauer zu dem Vorfall verhalten, lediglich den Betriebsrat informiert.

Belz hofft nun im Sinne der Alstom-ITler, dass ein eventueller Betriebsübergang so lange hinausgezögert werden kann, dass die IT-Fachleute bei dem neuen Arbeitgeber zumindest keine Leistungseinbußen hinnehmen müssen. Die Aussage der IT-Leitung von Alstom: “Kein Kommentar.”

Silicon meint: Zwar macht es manchmal Spaß, ungelegte Eier zu zählen, aber man sollte den betreffenden Eiern lieber nichts über Bratfett und Pfanne erzählen. Das Verhalten von EDS ist zumindest unprofessionell und hastig – das Verhalten von Alstom einfach nur rücksichtslos. Schließlich sind die IT-Profis nicht so beschränkt, dass sie sich nicht an ihren zehn Fingern abzählen können, woher die EDS-Leute genau die richtigen Mail-Adressen sämtlicher IT-Leute hatten. Ohne die Alstom-Personalabteilung ist so etwas – legal – nur schwer herauszufinden.