Freistaat und Volksrepublik

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Bayern ist schön. Das liegt an der Landschaft und am Bier – aber auch an der Kultur.

Die Bayern sind das einzige Volk, das Kabarettisten in einer nennenswerten Zahl hervorgebracht hat. Diese weltweit einzigartige Stellung der weiß-blauen Kultur jedoch ist bedroht – von einem aufstrebenden asiatischen Land: China.

Die Ereignisse im Vorfeld des 16. Parteitages der Kommunistischen Partei haben das wieder einmal deutlich werden lassen. Vor ein paar Stunden hat der ja begonnen.

Die Volksrepublik hat alles, was professionelle Veräppler für ihr niederträchtiges Geschäft brauchen: ein Ein-Parteien-System mit den zugehörigen Leisetretern, ein – im Unterschied dazu – ganz und gar nicht leise auftretender Staatsapparat und eine offizielle Weltanschauung, an die vorzugsweise niemand mehr glaubt, vor allem die nicht, die sie propagieren.

Wo diese Voraussetzungen fehlen, ist kabarettistisches Entwicklungsland. In ganz Skandinavien gibt’s keinen einzigen guten Kabarettisten. Holland: 0. Norddeutschland: Fehlanzeige.

Bayern: Gerhard Polt, Dieter Hildebrandt, Bruno Jonas, Siegfried Zimmerschied, die Biermösl Blosn … Die beste Kulturpolitik in Sachen Kabarett ist nun mal Druck, Druck und noch mal Druck.

„Das Ministerium erachtet dieses Lied nicht als geeignet für ein Schulbuch und forderte den Verlag auf, es durch einen anderen Text zu ersetzen.“ (Pressemitteilung der bayerischen Staatsregierung vom vergangenen Jahr zu einem Text der Biermösl Blosn, der auf Anordnung von oben gestrichen worden war).

So fördert man Kabarettisten. Nur so. Das brauchen die. Dann blühen sie richtig auf.

Vor allem dann, wenn der Druck mit Tollpatschigkeit gepaart ist: „Leider hat der Verlag aber versäumt, den Hinweis auf das Lied der Biermösl Blosn im Inhaltsverzeichnis des Buches auszutauschen.“

Bloß in einem solchen Treibhausklima können satirische Spitzenleistungen gedeihen. Dieses Klima hat Bayern zum Weltmarktführer im Segment Kabarett des Mediengeschäfts gemacht. Ein Zukunftsmarkt!

Und was der Freistaat für das Industriezeitalter, das könnte die Volksrepublik für die Internet-Ära werden. Vor dem Parteitag beispielsweise hat das Reich der Mitte ja wieder ganz massiv seine oppositionelle Spaßguerilla munitioniert.

Die chinesischen Zensoren nämlich! Die blicken’s einfach nicht mehr.

Wie auch? Bei all dem neumodischen Zeug.

Früher mussten die Zensoren vor einem Parteitag bloß die eine oder andere Dazibao runterreißen. Und schon bot das Land das Bild, das die offizielle Weltanschauung vorsieht.

Inzwischen jedoch hat das Web längst die Wandzeitung als bevorzugtes Medium abgelöst. Die Volksrepublik hat die weltweit die dritthöchste Anzahl an Surfern.

Und die meisten Server mit missliebigem Content – die stehen im Ausland. Aber das hätten die Zensoren ja noch in den Griff bekommen können.

Die Anzahl der grenzüberschreitenden Backbones nämlich, die ist überschaubar. Und wenn irgendwo jemand was veröffentlicht, was nach Ansicht von Partei und Regierung den Chinesen nicht zuträglich ist – Demokratie und Sex vor allem – dann wird die entsprechende URL einfach gesperrt.

Aber wie hat es seinerzeit der große Bootsmann Mao Tse Tung so treffend formuliert? „Den Volksmassen wohnt eine unbegrenzte Schöpferkraft inne.“ (Der sozialistische Aufschwung im chinesischen Dorf, 1955, abgedruckt in: Worte des Vorsitzenden Mao Tse Tung).

Die Volksmassen haben nämlich einfach bei Google nachgeschaut. Wegen des Archivs. Weil: Da sind Kopien von all den Seiten drin, die für Chinesen gesperrt sind. Deshalb ist www.google.com dann ja erst einmal auch gesperrt worden.

Bloß es hat nichts genützt. Weil: es sind neue URLs aufgetaucht. Und alle haben sie auf Google verwiesen. Oder auf Altavista. Das ist ja auch gesperrt worden. Und weil so eine URL nichts kostet, wurden’s immer mehr.

„Lasst 1000 Blumen blühen“, hätte der geniale Guerilla-Führer Mao seinerzeit wohl dazu gesagt. – Und heute kommen die Zensoren nicht mehr mit dem Ausreißen nach.

Aber schließlich hatte ja schon der große Vorsitzende erkannt: „Es kommt vor, dass die breiten Volksmassen uns vorauslaufen“. (Über die Koalitionsregierung, 1945, abgedruckt in: ibid.).

Wenn sowas allerdings eintritt, dann haben Kabarettisten und Satiriker Hochkonjunktur. Junge Talente wird es nach China ziehen, so wie die Nord- und Ostlichter Dieter Hildebrandt und Klaus Havenstein vor Jahren nach Bayern.

Und der Freistaat? Bayern wird skandinavisiert: Es wird Wahlen geben, deren Ausgang offen ist. Eine richtige Opposition – jenseits der internen in der Staatspartei. Koalitionen. Und Regierungswechsel.

Eine neue Politiker-Generation wird dann von der vorangegangenen nicht mehr physisch abstammen. Alle Klosterbrauereien bekommen einen Betriebsrat. Die Abiturientenquote steigt auf den Bundesdurchschnitt.

Ein Disco-Betreiber wird die verwaisten Räume der Münchner Lach- und Schießgesellschaft übernehmen und ein Pils-Pub in das Passauer Scharfrichterhaus einziehen.

Und am Samstag dann werden sich die Bayern im Biergarten treffen, ein großes Bier (0,4) bestellen und sich schenkelklopfend Geschichten über Fakes, Hoaxes und Spoofings aus dem Reich der Mitte erzählen. Und alle werden sich köstlich amüsieren über die neusten Stücke vom chinesischen Arbeiter- und Bauerntheater.

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