Das Stellenangebot

Management

Dreierlei ist schuld an der wirtschaftlichen Misere: 1. die Gewerkschaften, 2. der Staat und 3. dass die Arbeitslosen sich lieber in die soziale Hängematte legen, anstatt zu arbeiten.

Das ist wissenschaftlich erwiesen. Jeder Volkswirt sagt das doch. – Fast jeder.

Gut, vielleicht nicht ganz so direkt, sondern mehr in Form einer Infinitesimalfunktion. Aber der Lehrsatz von der mangelnden Elastizität der Löhne nach unten heißt trotzdem nichts anderes – als dass die Gewerkschaften schuld sind.

Und der Rest ist eh offensichtlich. Da kann man doch jeden beliebigen Schmidt oder Meier von den vier Millionen Arbeitslosen nehmen. Oder noch besser einen Müller.

Das typische Bild: Er hat schon lange gewusst, dass er seine Stelle verliert. Aber sich um was Neues bemühen? Ist nicht. Lieber ordentlich Geld von Vater Staat einstreichen.

Dass er besonders viel an seinem alten Arbeitsplatz geleistet hätte, kann man auch nicht gerade sagen. Ist doch klar, sonst hätte er ihn ja auch nicht verloren. Er ist halt eher ein blasser Typ.

Trotzdem hat man sich richtig viel Mühe mit ihm gegeben und einen ganz tollen neuen Job für ihn gesucht. Der Kanzler persönlich hat ihm das Stellenangebot überbracht – hört man. Und der Rheinische Merkur schreibt das ja auch.

Nachdem der Kanzler nämlich soviel Pech bei seinem Versuch gehabt hat, die Arbeitslosigkeit um ein achtel zu reduzieren, möchte er jetzt ja, dass der Hartz sie halbiert. Und da kümmert er sich halt persönlich um jeden einzelnen. Besonders um die Leistungsschwachen. Die Schwervermittelbaren.

Und was macht unser Müller? Genaueres weiß man ja nicht. Aber er muss wohl abgelehnt haben. Und das bei einer Stelle, die nun wirklich zumutbar ist. Jedenfalls ist die immer noch offen: Werner Müller wird nicht Telekom-Chef.

Die Wirtschaft sucht mal wieder händeringend. (Wenn die Wirtschaft sucht, dann immer händeringend. Drunter tut sie’s nicht.) Aber die Leute sind einfach zu unflexibel.

Ulrich Schumacher – das ist auch so ein Kandidat. Bei dem liegt’s ebenfalls nicht daran, dass er nicht könnte. Der will einfach nicht.

Dabei hat er doch wirklich alles auf dem Silbertablett präsentiert bekommen. Alles, was er für den neuen Job brauchen würde.

Weil: Was macht denn ein Telekom-Chef schon? “Der studierte Mathematiker hat die Deutsche Telekom in den sieben Jahren seiner Amtszeit von einem schwerfälligen Staatsunternehmen in eine international agile Aktiengesellschaft verwandelt.” Das schrieb die Neue Zürcher Zeitung über den bisherigen Stelleninhaber Ron Sommer.

Also: Er macht Verluste und Schulden. Er streicht Stellen. Und er bringt den Aktienkurs in den Keller.

Das sollte Ullrich Schumacher doch wohl hinbekommen. Bei Infineon hat er’s schließlich lange genug üben können.

Klaus Zumwinkel kann’s auch. Nachweisbar!

Gottfried Dutiné, dem Vice President von Philips Electronics, würde man’s eigentlich ebenfalls zutrauen. Thomas Middelhoff und dem Swisscom-Chef Jens Alder eh.

Eine völlige Fehlbesetzung wäre hingegen Gerd Tenzer gewesen. Der hat sich ja allein schon dadurch diskreditiert, dass er bereits seit 1970 dabei ist.

Damals hieß die Telekom schließlich noch Deutsche Bundespost und war schuldenfrei – will sagen: kein bisschen agil. Und ein studierter Mathematiker ist dieser Tenzer auch nicht. Einer, der im Umgang mit hohen Zahlen geübt wäre – wie den Summen, die die Telekom den Banken schuldet.

Nachrichtentechnik hat er studiert. Da steigt einem doch richtig der Mief der alten Fernmeldebehörde in die Nase.

Nein, so ein biederer Staatsdiener passt wirklich nicht in die heutige Zeit. Jetzt, da ständiges Umdenken oberstes Gebot ist. Überall.

Man muss sich beispielsweise an den Gedanken gewöhnen, wieder länger zu arbeiten. Flexible Altergrenze? Eine sozialpolitische Wohltat aus den Siebzigern!

Wenn flexibel, dann nach oben. Helmut Sihler ist 72 und kann noch lange nicht an den Ruhestand denken.

Er muss weitermachen, bis die Stelle bei der Telekom besetzt ist. Und das kann sich ziehen. Wenn doch alle absagen.

Verstehen kann man’s ja bei Erwin Staudt, dem Chef in der Stuttgarter Deutschland-Zentrale von IBM. Der Mann ist schließlich Schwabe und somit einer der wenigen, die die Sprache der dortigen Eingeborenen ohne Untertitel verstehen.

Geboren ist er in Leonberg. Studiert hat er in Stuttgart. Und dort ist er dann auch geblieben.

Warum sollte er ausgerechnet jetzt wegziehen? Jetzt, da global gespart wird. Das Internet hat aus der Welt bekanntermaßen ein Dorf gemacht, die Krise der Internet-Wirtschaft ein schwäbisches Dorf.

In Zeiten der Austerität Baden-Württemberg zu verlassen, das wäre genauso abwegig, wie wenn jemand in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts aus Berlin weggezogen wäre. Oder in den 60ern aus London.

Was dem Kommunisten Moskau war und dem Hippie San Francisco, das ist dem Knapser Stuttgart.

Noi, d’Schdaudt macht’s net. Aber irgend jemand sollte den Job bei der Telekom schon übernehmen. Und zwar möglichst bald. Denn es wird schließlich immer schwieriger.

Wer jetzt noch die Stelle angeboten bekommt, der muss sich ja wirklich beleidigt fühlen. Weil: Dass er für zweitklassig gehalten wird, das kann er dann nicht mehr von sich behaupten. Das war ein Dutzend Kandidaten zuvor.

Und was macht die Gewerkschaft? Das, was immer alle von ihr sagen, nämlich alles noch schlimmer. Der Vorsitzende des Konzernbetriebsrats bei der Telekom fordert doch tatsächlich, dass wegen der dilettantischen Vorstandssuche der Aufsichtsratsvorsitzende zurücktreten solle.

Mensch, Kollege! Reicht’s denn noch immer nicht? Auch noch der Aufsichtsrats-Chef! Dann wär’ ja da noch so ein Job, für den sich die ganzen Drückeberger zu fein sind.

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