Adobe will endlich Geld sehen

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Antagonismus von “Masse oder Moneten” aufbrechen

So bekannt und vielfach benutzt die überwiegend frei verfügbare Content-Software “Adobe Acrobat Reader” auch ist und so unverzichtbar für sichere Dokumentenlösungen – sie bringt dem Hersteller Adobe Systems kaum einen Groschen ein. Das soll sich nun ändern: CEO Bruce Chizen will Adobe aus der “Samariter-Ecke” holen und einen Goldesel aus dem Unternehmen machen. Dafür sollen die käuflichen Produkte sorgen, vor deren Werbekarren der Reader gespannt wird.

Angesichts der Bedrohung, die das Flaggschiffprodukt von Microsofts iPath, dem ehemaligen Xdocs, erhält, will Chizen nun vor allem an Geschäftskunden herantreten, die ihre papiergebundenen Prozesse vereinfachen wollen. Erste Kunden dürfen genannt werden und sollen erst der Anfang sein.

So hat der Pharmakonzern Pfizer nun schon vor einigen Jahren beschlossen, seine Dokumente für die Medikamentenzulassung bei der amerikanischen Food and Drug Administration auf Acrobat-Füße zu stellen. Die Formular-ähnlichen Dokumente werden, glaubt man Chizer “zur vollen Zufriedenheit des Kunden” mit dem Reader kreiert, abgebildet, verschickt und ausgefüllt. Dies unternehmensintern wie auch nach außen.

Dabei komme dem Acrobat Reader die Eigenschaft des 1993 verabschiedeten Standards Portable Document Format (PDF) zugute, der Dokumente unveränderbar macht – bei voller Lese- und Druckoption. Chizen ist stolz: “Die Verbreitung von PDF ist größer, als sich damals irgendjemand vorstellen konnte – PDF hat alle anderen völlig unvorbereitet getroffen”, sagte er im Interview mit der New York Times.

Das Problem bei der Kapitalisierung der Software stellt er so dar. Der Bedarf der Kunden, die Software zum Schreiben und Gestalten von Dokumenten zu verwenden, sei ungleich geringer als die, einfach nur in PDF geschriebene Dokumente zu lesen, zu speichern und auszudrucken. Schließlich ist am PDF-Format, so der CEO mit Bedauern, bislang lediglich das Schreiben mit Anschaffungskosten verbunden, die Reader-Software aber kostenlos.

“Wir wollen jetzt die starke Marke des Readers dazu verwenden, unsere Business-Software Adobe Acrobat auch populärer zu machen und mehr Großunternehmen zu überzeugen.” Chizen kann sich den Einsatz für Personal- und Buchhaltungsabteilungen und die Jahresabrechnung beispielsweise sehr gut vorstellen. Papier-basierte Arbeitsprozesse sollen sich so leichter verwalten lassen und schlanker werden.

Chizen vergisst dabei aber nicht den Kostenaspekt. Adobe bewerbe seine Software vielmehr als kostensparende Dokumenten-Managementlösung. Der CEO: “Acrobat wirkt wie ein Behälter für ein Dokument, das es speichert, auf dem Weg zu anderen Nutzern schützt, die es dann problemlos ausfüllen und wieder zurückversenden können – all dies, ohne die ursprünglichen Parameter des Dokuments auch nur im geringsten zu verändern.” So werde ein PDF-Dokument quasi firmenintern zu einem interaktiven Dokument.

Von den derzeitigen, traditionellen Nutzern der Lese-Variante verspricht er sich offenbar nicht mehr viel, wenn er sagt: “Ein Großteil unserer typischen Kunden ist derzeit arbeitslos, denn in der Werbung und im Kommunikations- und Agenturgeschäft fließt kaum noch Geld.” Schließlich waren es Mediengestalter und Werbeunternehmen, die bislang gerne mit PDF-Formaten jonglierten. Nun, mit dem finanziellen Niedergang der hier aktiven Unternehmen, habe sich gezeigt, dass Adobe seine Marketing-Aktivitäten in eine neue Richtung ankurbeln und seine Produkte deutlich breiter aufstellen muss.

Dazu passt, dass Adobe noch im Sommer teils käuflich zu erwebende Neuheiten bringen will. Dazu gehört die neue “Pro”-Version des Videoschnittprogramms “Premiere” mit umfangreichen Echtzeitfunktionen, die Version 6.0 des Grafikbeschleunigers “After Effects”, sowie “Audition”, das frühere “Cool Edit Pro” der übernommenen Firma Syntrillium. Das Bundle heißt “Adobe Video Collection” und beinhaltet die drei Produkte sowie das Autoren-Tool “Encore DVD”. Die Gruppe der Designprofis wird damit adressiert und umworben.

Chizen weist im Kontrast zu solch gezielter Ansprache darauf hin, dass sich die Firma aber noch Ende der Neunziger Jahre “wie ein Start-up” verhalten habe. So habe er, als er im Jahr 2000 den Posten des CEO nach etwa sechs Jahren in der Firma übernommen hatte, sofort mit dem Umbau begonnen.

Dazu gehörte die Aufteilung der Kunden und die unternehmensinterne Zuweisung nach drei Gruppen: Großunternehmen, professionelle Designer und Endverbraucher. Auch Entlassungen, die fast schon zum guten Ton eines Restrukturierungsplans gehören, gab es: 700 der damals 3000 Angestellten mussten gehen. Doch inzwischen, so Bruce Chizen stolz, steige die Zahl der Mitarbeiter wieder, da die Nachfrage nach Acrobat so gestiegen sei.

Bleibt bei der beinahe zwanzigjährigen Erfolgsgeschichte die Frage nach der Konkurrenz. Doch hier ist Chizen gelassen und weist darauf hin, dass Acrobat sich auch außerhalb eines geschlossenen Nutzersystems wie einem Unternehmen sehr leicht und sicher transferieren lasse. Von Infopath ist aber bekannt, dass es den Acrobat-Varianten unternehmensintern den Rang ablaufe.

Als Bonus wertet er daher außerdem, dass die Partnerschaftsstrategie ein integraler Bestandteil der Firmenpolitik und Softwareentwicklung sei. Denn: “Als Anbieter von Software, die reibungslos mit anderen Anwendungen zusammenarbeiten muss, wissen wir, wie man Business-Partnerschaften schmiedet.”

silicon meint: Unverzichtbar scheint das PDF-Format für Profis wie Privatnutzer inzwischen geworden zu sein. Vielleicht sollte sich Adobe aber dennoch weniger Gedanken um seine Marketingstrategie als darum machen, dass jemand anders, vielleicht jemand aus Redmond, Software mit denselben glänzenden Eigenschaften bauen, oder aber gleich die ganze Firma Adobe schlucken könnte. Die Idee des Gratis-Download für den Reader dürfte sich dann für die geschätzten 500 Millionen Nutzer weltweit bald erübrigen.