Oracle-Deutschlandchef: “Gebt dem CIO mehr Verantwortung!”

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… das sagt er zum Thema IT-Konsolidierung

Der Sparzwang in deutschen Anwenderunternehmen treibt inzwischen recht abstruse Blüten. Da verzögert sich ein IT-Projekt bereits um Monate, weil sich die Hardwarehersteller Hewlett-Packard und IBM ständig gegenseitig unterbieten. Längst geht es in der gebeutelten Hardware-Industrie nicht mehr um Listenpreise. Die Offerten beginnen bei der Hälfte und Fallnetze gibt es anscheinend kaum.

Rolf Schwirz, Vorsitzender der Geschäftsführung von Oracle Deutschland, hat den Grund gefunden, warum ausgerechnet immer die Unternehmens-DV von Sparmaßnahmen betroffen ist. “Kein Bereich in den Unternehmen ist so transparent wie die IT”, teilte er gestern seinen Kunden mit. Diese tauschen sich derzeit auf der jährlich stattfindenden Konferenz der Deutschen Oracle Anwendergruppe (Doag) aus.

Gemeint ist offensichtlich keinesfalls Transparenz im DV-technischen Sinne, wo der Begriff statt Klarheit eher Verschleierung meint – nach der Art einer Black Box, in die, für den Anwender, Administrator oder Softwareentwickler verborgen, komplexeste Dinge verwurschtelt sind.

Vielmehr hebt Schwirz darauf ab, dass die IT-Abteilungen in der Regel bis auf die Kommastelle genau Auskunft über ihre Projektkosten geben können. Sie stehen also in erster Linie als Kostenfaktor da.

Zudem haben die DV-Abteilungen die Rolle als Dienstleister und damit viele Herren. Als Auftraggeber fungieren die Fachabteilungen. Das aber habe dazu geführt, so Schwirz, dass diese auch bestimmten, welche DV-Technik ins Haus komme. Und das wiederum habe zur Folge gehabt, dass nun beliebig viele unterschiedliche Systeme nebeneinander existierten, die alle gehegt und gepflegt werden müssten.

Deshalb besteht laut Schwirz die erste Pflicht für die Unternehmen, die auf den Return on Investment schauen müssen, in der Konsolidierung der Systeme. Als Vertreter eines Datenbankherstellers weist er insbesondere auf die Notwendigkeit hin, die Daten unternehmensweit zu konsolidieren.

Doch damit dürften schon viele Anwender schlechte Erfahrungen gemacht haben. Vor ein paar Jahren war schon einmal die Forderung nach unternehmensweiten Datenmodellen modern. Eine etliche Anzahl von Projekten versickerte, weil diese Modelle laufen lernten. Die Aufgabe erwies sich als zu kompliziert.

Laut Schwirz lag das allerdings hauptsächlich daran, dass jeder Unternehmensbereich eigene Ansprüche an die Datenhaltung anmeldete und der Starke Mann, der sich darüber hätte hinwegsetzen können, fehlte. “Gebt dem Chief Information Officer (CIO) mehr Verantwortung!”, fordert deshalb der Oracle-Mann.

In seiner Kompetenz sollte es stehen, die gesamte Unternehmens-DV zu überdenken und neu zu strukturieren. “Außerdem ist es Unfug, IT-Budgets in den Unternehmen zu verteilen”, postuliert Schwirz.

Um ein positives Beispiel zu nennen, gibt der Chef der deutschen Oracle-Dependance einen Einblick in die Unternehmenspolitik des eigenen Hauses. Hier bestimme das Top-Management über das IT-Budget. “Ich fälle keine Entscheidung darüber, welche Laptops wir hierzulande kaufen”, gesteht er den Konferenzteilnehmern.

Das gelte auch für die anderen in der deutschen Führungsriege. Sollten sie dennoch DV-Entscheidungen treffen wollen, reduzierten solche Eigeninvestitionen die Verdienstmargen der Führungskräfte. Damit aber sei die Neigung, selbst einkaufen zu gehen, gering. Sämtliche unternehmensrelevanten System seien im Oracle-Stammsitz im kalifornischen Redwood Shores konzentriert.

Dank der damit verbundenen Konsolidierung könne er nun, was einem Großteil anderer Unternehmenslenker versagt ist, behauptet Schwirz. Jederzeit sei für ihn in Erfahrung zu bringen, wie viele Mitarbeiter das Unternehmen aktuell habe, wie die Umsätze und die Forecasts aussähen.

Durch die Zersplitterung der DV-Landschaft in anderen Unternehmen fehle die Integrität der Daten und Systeme. Deshalb eigneten sich die Anwendungen dort bestenfalls für das mittlere Management, nicht jedoch für die Unternehmenslenker.

Dass Oracle sich einmal als Motor einer verteilten Datenhaltung in heterogenen Systemen gesehen hat, schiebt Schwirz in ein anderes Zeitalter. “Früher gab es das Client-Server-Paradigma. Heute jedoch gilt das Internet-Computing-Paradigma.”

Darüber hinaus herrscht jedoch die Diktatur des ROI. Einsparung und Effizienzsteigerung lauten die Verkaufsargumente, die sich Oracle und die meisten anderen Firmen der IT-Branche zu eigen machen. Doch irgendwann müssen die selben Anbieter wieder Innovation verkaufen.

Jeff Henley, der Finanzchef im Hause Oracle, hat bereits eine Trendwende für das erste Halbjahr 2003 angekündigt. Er sieht Zeichen für einen Aufschwung, zumindest, was das eigene Unternehmen anbelangt. Mit neuen Innovationen wolle der Hersteller diesen Auftrieb ankurbeln. Oracle stellte auf der dieswöchigen internationalen Anwenderkonferenz in San Francisco die Collaboration Suite vor, die etwa in Konkurrenz zu den Lotus-Produkten steht.

Schwirz möchte sich jedoch sämtlicher Prognosen über den wirtschaftlichen Auf- oder Abschwung enthalten. “Henley kann das Kraft seines Amtes machen”, sagt er, “ich will das nicht. Denn niemand weiß wirklich, wie das nächste Jahr wird.”

silicon meint: Sparzwang und ROI sind unerbittliche Diktatoren. DV-Leiter nun noch stärker unter dem Zwang, sich rechtfertigen zu müssen. Alles, was keinen unmittelbaren Nutzen zeitigt, wird sowieso gestrichen. Doch hat es ein Prassen auch vorher nicht gegeben. Deutsche Unternehmen fragen immer: Wozu ist das gut? – und investieren eher zu spät als zu früh. Allerdings gab es einmal ein Pflänzchen, das Technik die Geschäftstrategen antrieb – Geschäftsidee, oder auch Innovation genannt. Der Dotcom-Platscher hat es zerquetscht.