Vernichtende Analyse: Invensys sollte Baan jetzt verkaufen

Management

Doch wer will die Software schon haben?

Mehr als 6000 Fertigungsunternehmen zählen zu den Baan-Kunden. Doch Lizenzinhaber Invensys schafft es einfach nicht, aus der ERP- und Supply-Chain-Linie einen Erfolg zu basteln.

Mit dieser vernichtenden Analyse ist das Marktforschungsunternehmen Forrester Research nun an die Öffentlichkeit getreten. Analyst Clive Savage rät dem Unternehmen, das ohnehin derzeit Firmenbestandteile veräußert, Baan an einen der großen Player im Markt zu verkaufen. Wenn die Company noch länger wartete, könnte es zu spät sein. Auch eine Kandidatenliste für eine Akquisition stellt der Marktbeobachter auf: Microsoft, Oracle und Peoplesoft.

“Software ist ein Geschäft für Spezialisten und kein Hobby”, sagt Savage. Und er traut Invensys diese geforderte Professionalität nicht zu.

Die britische Ingenieursfirma selbst, die im August 2000 Baan übernommen hatte, als das von den niederländischen Brüdern Baan gegründete Softwarehaus mit vollen Segeln in den Ruin trieb, hat heute selber Probleme. Nach Angaben von Forrester sinkt der operative Gewinn jährlich um 41 Prozent.

Und Baan wird keine positiven Ergebnisse liefern, weil es Invensys nicht gelingt, sein Softwaregeschäft sinnvoll zu restrukturieren, so Forresters Chef-Analyst Charles Homs: “Invensys hat sich niemals die Zeit genommen, aus den einzelnen Softwarelösungen eine einzige Suite zu bauen.”

Die Produkte I-Baan, Prism, Protean, Wonderware und Xebic stellten nach wie vor lediglich ein Sammelsurium dar. Damit werde den Anwendern ein Flickenteppich an Software zugemutet, der über keine standardisierten Schnittstellen verfügt und hohe operative Kosten verursache. Darüber hinaus fehlten Invensys die finanziellen Muskeln, um die Software-Assets komplett zu überarbeiten, so Forrester.

Die Motivation für Invensys habe ursprünglich darin bestanden, Software zur Verfügung zu haben, die die eigenen Ingenieursprodukte unterstützen. Doch bei Margen von weniger als 4 Prozent sei Software längst kein profitables Hobby mehr.

Außerdem sei Baan auch ein Mithalten mit dem durchschnittlichen Umsatzwachstum vergleichbarer Anbieter wie SAP, i2 Technologies und Manugistics unmöglich. Die Baan-Produkte legen um 31 Prozent zu, so Forrester, aber der Durchschnitt liegt bei 42 Prozent.

Schließlich führen die Analysten als letztes Indiz für die Schwäche an, dass Baan nach eigenen Angaben seit der Übernahme von Invensys 350 Neukunden gewonnen habe. Doch das entspreche lediglich einer Zunahme von mageren drei Prozent im Jahr.

Den Ausweg aus der Misere sehen die Forrester-Beobachter im Verkauf. So sollte Baan eine Taskforce bilden. Sie sollte, um den Wert des Produkts zu steigern, auf das verteilte Datenmodell von Xebic aufbauen.

Sodann empfehlen die Analysten einen Ausbau der Partnerschaften mit Firmen wie Verano und Valdero, Supply-Chain-Spezialisten, die sich insbesondere um extended Relationship Management (XRM) kümmern. Schließlich schreibt Forrester Baan ins Stammbuch, sich um innovative Technik in Produktionsbetrieben zu kümmern und Nebenschauplätze zu verlassen.

In Deutschland wollten sich weder Baan, noch die von Forrester ins Visier genommenen potentiellen Käufer zu der Empfehlung äußern. Helmut Gümbel, ERP-Spezialist vom Beratungshaus Strategy Partners, wagt eine Bewertung des Forrester-Vorstoßes: “Die Analyse mag richtig sein. Doch der Markt für ERP-Software ist schlecht. Potentielle Käufer werden kein Interesse haben.”

Microsoft käme für Forrester als Akquisiteur in Frage, da der Software-Gigant schon mit der Übernahme von Navision gezeigt habe, dass er den Markt für betriebswirtschaftliche Applikationen ernst nimmt. Ein weiteres ERP-Produkt könne lohnenswert erscheinen, weil sich der Desktop-Spezialist damit einen stärkeren Zugang zur strategischen Unternehmens-DV verschaffen könnte.

Laut Gümbel dürfte sich Microsoft kaum die Finger lecken, um Baan in die Hände zu bekommen. Denn Baan unterstützt neben den Windows-Plattformen noch zahlreiche andere. Auch bei einer Übernahme bliebe Baan verpflichtet, diese weiterhin zu unterstützen.

Ähnliches gelte im Übrigen auch für Oracle, da Baan außer der Oracle-Datenbank auch auf anderen Systemen laufe. Forrester hält dagegen, dass das Unternehmen aus Redwood Shores in den vergangenen vier Quartalen mit den eigenen ERP-Produkten ein rückläufiges Geschäft hinnehmen musste. Statt 25 Prozent Zuwachs im Neukundengeschäft macht Oracle zur Zeit noch 17 Prozent. Außerdem sind die Oracle-eigenen betriebswirtschaftlichen Anwendungen ungeeignet für Produktionsfirmen. Baan könne diese Lücke füllen, so Forrester.

Für Peoplesoft sei Baan dagegen interessant, um sich mit dem in den Niederlanden entstandenen Produkt stärker im europäische Markt zu etablieren. Den Peoplesoft-Produkten fehle für diese Region häufig die notwendige Mehrsprachenfähigkeit.

Doch ERP-Experte Gümbel sieht auch bei Peoplesoft ein generelles Manko. Die von Forrester genannten Firmen hätten immer nur an einem Teil von Baan Interesse. Insofern würden die restlichen Baan-Module zu Mühlsteinen. Bei Peoplesoft zum Beispiel störten die CRM-Funktionen. Immerhin hat die US-Company eine eigene Lösung dafür erstellt.

Einig sind sich Gümbel und Forrester-Experte Savage, dass eine Zukunft für Baan alleine in der Konzentration auf das produzierende Gewerbe liegt.