Worldcom-Pleite krempelt TK-Welt um

Management

Wer die Lehren daraus zieht, gewinnt

Das Telekommunikationsunternehmen Worldcom gilt nicht nur in den USA, sondern weltweit als zweitgrößter Carrier und Anbieter von Sprach- und Datendiensten. Die schwer abzuwendende Pleite der Firma reißt also voraussichtlich viele Partner und Zulieferer mit in den Abgrund. Milliardenschwere Ausgaben werden als Gewinne verbucht, noch ein paar Luftbuchungen, undurchsichtige Kompetenzen bei US-Börsenaufsicht und anderen Finanzwächtern, ein ausgebufftes Management – schon ist die Katastrophe fertig.

Doch so neu – und auch so “typisch amerikanisch” – ist das nicht. Ein Blick über den IT-Tellerrand hinaus bringt die Schneider-Skandal-Pleite in der deutschen Baubranche in Erinnerung. Auch hier dubiose Finanzierungsgeschichten. Und das beruhigt uns vielleicht sogar, beweist es doch: Nicht nur die IT/TK-Branche ist böse! – Wir atmen auf.

Mindestens solange, bis uns einfällt, dass ein erklecklicher Anteil des weltweiten Internetverkehrs über Worldcom-Leitungen laufen. Nach Gartner-Schätzungen etwa 50 Prozent – das ist kein Pappenstiel!

Und wer profitiert? Der Worldcom-Skandal zusammen mit der KPNQwest-Pleite treibt auch in Europa die Leichenfledderer aus den Federn. Die etablierten nationalen Telefongesellschaften stehen in den Startlöchern, um Anteile und Kunden aufzusammeln.

Mit fatalen Folgen für den Wettbewerb: Ihr Geschwafel von der einzig wahren Stabilität, die ausschließlich in ihren Armen liegen könne, riecht verdächtig. Trotzdem wird sich derzeit kein sich selbst und seine Kunden achtendes Unternehmen vertrauensvoll an einen alternativen Carrier wenden.

Denn Skandale haben es so an sich, dass im ersten Rausch und in Sippenhaft-Manier gleich eine ganze Branche geteert und gefedert wird. Den verbleibenden alternativen Carriern hilft das nicht. Die meisten von ihnen liegen durch den vorangegangenen KPNQwest-Niedergang sowieso schon am Boden. Wer malt bald das ganze Land Magenta?

Na, soweit kommt es doch hierzulande nicht – Deutschland ist immun gegen diese US-Krankheiten. Oder? In der Baubranche klappte das doch auch schon ganz gut mit Korruption, Preisabsprachen und so weiter. Zurücklehnen wäre momentan wohl das Falscheste.

Mag man auch gerne darüber spekulieren, warum Worldcom-Gründer und Freizeit-Cowboy Ebbers gerade noch rechtzeitig den CEO-Sattel geräumt hat. Und auch, ob der neue CEO Sidgmore als langjähriges Vorstandsmitglied bei Worldcom wirklich, wie er jetzt beteuert, keine Ahnung von all den Machenschaften hatte. Das Vertrauen der Anleger und Kunden ist auch hier erschüttert und muss wieder aufgebaut werden.

Und da wir nicht im Lande sind, wo sich AT&T und Worldcom den Markt aufgeteilt haben, sind die Anbieter gefordert, Aufklärungsarbeit zu betreiben. Und natürlich, den Beweis zu erbringen dass “so etwas” bei uns tatsächlich nicht passieren kann.

Kundenvertrauen ist keine Einbahnstrasse, sollte also nicht nur immer von der Industrie eingefordert werden. Man erreicht es durch pünktliche und zuverlässige Lieferung zu einem für beide Seiten fairen Preis. Das wäre tatsächlich eine wirksame Impfung gegen die Pleiten-Krankheit auf dem TK-Markt. Vernünftige Regulierungspolitik natürlich vorausgesetzt.