Fusionen setzen neuen Integrations-Trend

Management

Alles hat sein Gutes …

Die in den letzten beiden Jahren etwas gebremsten Fusionsbewegungen in der ITK-Branche sollen dem derzeit relativ schwach beleuchteten Sektor der Integrationsprozesse nach Firmenübernahmen, Mergers and Acquisitions Integration (M&A), zu neuer Marktmacht verhelfen. Und dies, weil im Jahr 2003 die Lust am Kaufen und Verkaufen wieder kräftig anziehen wird. Davon sind die Marktforscher der Meta Group mehr als überzeugt.

Obwohl genügend Kapital für Anlagemöglichkeiten vorhanden sei, warnen sie aber davor, auf eine allzu schnelle Erholung der M&A-Branche zu hoffen, die vor allem aus Beratungs-, Hosting- und Systemhäusern, sowie Integratoren der Hard- und Software besteht. So werde der Merger-Boom der Jahre 1998 bis 2000 so schnell nicht mehr erreicht, sind sich die Marktkenner sicher. Damals waren mehr als 4 Billionen Dollar bei ganz oder teilweise verkauften Firmen umgesetzt worden.

Das ist nach Rechnung der Meta Group, die die Marktbeobachter von Mergerstat zitiert, so viel wie in den 30 Jahren davor. Insbesondere die IT-Megafusionen wie Mannesmann/Vodafone, AOL/Time Warner oder Hewlett-Packard/Compaq hätten dazu beigetragen, heißt es. Mehr noch, sie gelten bereits heute als “Rekord-Kapitalvernichtung”.

So hat erst kürzlich eine im Auftrag des Magazins Business Week erstellte Studie ans Licht gebracht, dass 61 Prozent aller Firmenkäufer weltweit bislang 25 Prozent des übernommenen Firmenwertes vernichtet haben. Insbesondere Verträge mit Aktientausch sind offenbar selten stimmig und fair: Sie weisen demnach eine Misserfolgsquote von 65 Prozent auf. Misserfolg heißt hier, dass der Deal nicht abschließend zustande kam, wieder rückgängig gemacht wurde oder der betreffende teuer transplantierte Unternehmensteil einfach eingestampft wurde.

Und auch wenn dies nicht geschieht, schreiben demnach 85 Prozent der Firmenkäufer noch zwei Jahre nach der Übernahme negative Zahlen – allein wegen dem Einkauf. Die Gründe, die die Meta-Group-Leute für diese Misserfolge ausmachen, sind: Überhöhte Kaufpreise, zu hohe Erwartungen an Einsparungseffekte, geringe Mitarbeiter- und Kundenakzeptanz, zu hohe oder schlecht berechnete Integrationskosten und eine halbherzige Umsetzung des Integrationsprozesses bei mangelnder Rücksicht auf unterschiedliche Unternehmenskulturen.

“Zu spät kommen Kontrollinstrumente des Risk Managements zum Einsatz, mit denen M&A-Risiken bewertet werden können”, bemängelt Wolfgang Braun, Managing Partner und CEO bei der Meta Group und dort zuständig für den Bereich M&A. Diese Kontrollinstrumente würden das Top Management zu fundierten Erklärungen bei der Bewertung von akquirierten Assets zwingen.

In den USA, so führt er an, würden härtere Regeln, wie beispielsweise der FASB, Financial Accounting Standards Board und in Europa kartellrechtliche Hürden bei Fusionen dazu führen, den Schaden von Fehlentscheidungen beim Firmenkauf künftig zu begrenzen. “Leider jedoch führen diese politischen Maßnahmen zu erhöhter Unsicherheit,” so der Fachmann. Dadurch schließlich verzögere sich die Nachwelle der M&A-Transaktionen. Außerdem bewirke die umstrittene Umsetzung der neuen Regulierungen eine weitere Verzögerung.

Deutsche Firmen, so Braun, verhielten sich aufgrund der Erfahrungen aus der ersten Fusionswelle sehr restriktiv bei Investitionen in Beteiligungen. “Obwohl einige Firmen unter Buchwert an der Börse bewertet sind, wird die Chance zum preisgünstigen Einstieg bei Wettbewerbern nicht genutzt”, sagt er. Gleiches gelte für vorhandenes Kapital, das für den Geschäftsausbau verwendet werden könnte.

Diese Abwartehaltung bewirke, dass Firmen, die dringend eine Beteiligung suchten, keine Chance bekämen, ihr Unternehmen in eine erfolgreiche Partnerschaft einzubringen. Damit werden Unternehmen mit interessantem Potenzial in die Insolvenz getrieben, und vorhandene Assets vernichtet.

In diesem und im kommenden Jahr 2003 liegt nach Aussage von Wolfgang Braun deshalb der Schwerpunkt deutscher IT-Firmen ausschließlich auf Post Merger Integration (PMI), um die geplanten Kosteneinsparungspotenziale endlich zu realisieren.

Als bewährtes Mittel einer wertschöpfenden und schnellen Integration haben sich laut Braun die Merger Integration Scorecards in der Praxis bewährt. Diese Scorecards berücksichtigen die bereichsübergreifende Komplexität und notwendige Geschwindigkeit in der Umsetzung der Merger Integration. Mit dem MI-Scorecard-Prozess könnten sowohl Mängel in der strategischen Planung als auch Versäumnisse im Due-Diligence-Prozess kompensiert werden. Braun empfiehlt, die Erfahrungen und Erkenntnisse aus dem PMI-Prozess in den Strategieprozess zu übertragen.

Wichtig sei die Abstimmung der Einzelziele (Kaskadierung) mit dem Gesamtziel, das wiederum mit den Organisationszielen in Einklang zu bringen sei. “Man sollte sich nur auf die wesentlichen Werttreiber im definierten Zeitraum der Merger Integration beschränken”, rät Wolfgang Braun.

Sein Forschungsbereich erwartet für 2003 und 2004 eine zweite Merger-Welle. Diese soll eine ähnlich hohe Anzahl an Transaktionen wie 1998-2000 auslösen, aber die 4 Billionen Dollar Transaktionsvolumen bei weitem nicht mehr erreichen.

Als Ursachen für diese zweite Welle von Übernahmen sieht er: Portfolio-Bereinigungen von übernommenen Unternehmen, Liquidierung von Reserven, Reduzierung der Risiken im Mittelstand und – speziell für die IT-Branche – die Abwendung einer drohenden Insolvenz.

Wolfgang Braun legt den Finger aber auch in die künftigen Wunden: “Der Grund für weitere Scherbenhaufen im M&A sind zu wenige erfahrene Berater und profitgierige Investmentbanken, die durch dramatische Rückgänge bei Erfolgsprovisionen beziehungsweise Einnahmen aus Börsengängen nur im Interesse des Käufers handeln.”